Wieso werden wir krank?

Dieses Thema im Forum 'Bulimie Erfahrungen & Diskussionen' wurde von Michi gestartet, 6 August 2011.

  1. Michi

    Michi mybulimie.de Staff Member

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    Eine Frage, die mich immer wieder beschäftigt. Wieso bin ich überhaupt dahinein geschlittert.

    Ich habe zwar keine einfache Vergangenheit und habe bzgl. der Familie viel mitgemacht, aber meint ihr sowas hat einen Zusammenhang mit der jetzigen Krankheit?
    Ich glaube manchmal, dass es auch einfach nur an dem Wunsch liegt eine Traumfigur zu haben und man dann mit Hungern anfängt oder versucht anzufangen, d.h. weniger isst. Ich glaube nicht, dass es immer an einer schlimmen Vergangenheit liegen muss ...
    Andererseits vermute ich auch, dass Menschen, denen ein Halt fehlt, entweder in der Familie, bei Freunden oder beim Partner.
    Oder es sind Freunde, durch die wir auf den Gedanken kommen, weniger zu essen oder uns zu übergeben.
    Vielleicht auch eine echte Übelkeit am Anfang, durch die man sich oft übergibt bevor man es bewusst provoziert.
    Oder die ganzen Models, die ganze Medienwelt, auf die es immer wieder geschoben wird, was ich teilweise auch zu einfach finde. Aber klar, wenn man danach strebt und nicht wirklich mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht, was wohl v.a. junge Menschen nicht machen, dann entwickelt man eine Sehnsucht, die es zu stillen gilt.
    Schwierig, schwierig, bei mir war es auf jeden Fall der Gedanke an meine Figur, die Unzufriedenheit und das Streben nach einem anderen Körper, wobei ich nie wirklich fett war. Hinzu kamen Freundinnen, die plötzlich nichts mehr aßen und eben mein unregelmäßiges Essen, manchmal nicht, manchmal zu viel, so dass die Übelkeit oft von alleine kam und ich dann meinen Weg fand. Eigentlich sehr charakterschwach, aber so war es eben, sehr dumm und ich wusste nicht, was ich mir antat ... Mich ärgert es heute noch und ich wünschte ich wäre diesen Schritt nie gegangen. Ich weiß noch, ich saß als Teenie einmal vor dem Spiegel und schaute mich an, zu dieser Zeit konnte ich mich noch nicht richtig übergeben. Ich sagte mir nur, hör auf, versuch es nicht weiter, das könnte übel enden. Und naja, irgendwie wollte ich darauf nicht hören ...
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  2. HannyBee

    HannyBee War schon öfters hier

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    "Psychische Ebene"

    Ich schilder mal auf meine Person bezogen, wie es bei mir war und wie es bei vielen ist, denke ich.

    Ich bin fest davon überzeugt, dass die Familie und ihr System die Basis dieser Erkrankung ist (siehe zweiten Beitrag hier). Ich will damit aber niemandem die Schuld zuweisen!

    Meine Vergangenheit ist auch nicht die Einfachste. Mein Pap hat meine Familie in einer dieser Ich-geh-Zigaretten-holen-Aktionen verlassen, als ich 10 war. Meine Mutter ist daraufhin gar nicht mehr mit ihrem Leben klargekommen. Als ich 12 war, beschloss ihr, vor ihr nicht mehr zu weinen, damit ich sie nicht mehr traurig machte. Das Verhältnis zu meinem Vater beschränkte sich auf 3-6 Kontakte im Jahr.
    Meine jüngere Schwester ist irgendwann bei Drogen gelandet und wurde mit 17 mit Polizei und Rettungswagen in die Klapse zur Beobachtung eingeliefert. Und kam danach wieder, als wär nichts geschehen. Mit meinem Stiefvater lief auch alles aus dem Ruder. Schließlich hat meine Schwester sich dann nen Freund gesucht, der zu uns ins Haus zog und der sie schlug. Irgendwann hat sie sich mal als Selbstmordversuch den Arm aufgeschnitten - hats aber Gott sei Dank überlebt. (Und so krass weiter und so krass fort..:confused:)

    Ich erzähle das hier (so kurz angerissen), weil das der Hintergrund ist, warum sich das bei mir entwickelt hat. Am Anfang glaubte ich, ich hätte das gemacht, weil ich ein dickes Mädchen war, das gehänselt wurde. Es war so viel einfacher, konnte ich doch eine einfache Ursache ausmachen und eine einfache Schlussfolgerung ziehen und dabei noch sagen, ich sei selbst daran "schuld" sprich verantwortlich, ich hätte mir das selbst "eingebrockt" - denn dann hätte ich es ja auch jederzeit wieder ändern können, wenn ich mir das "einfach so" ausgesucht hätte.

    Ich habe dann aber folgende gar nicht einfache Erkenntnisse über mich gehabt (bis ich mir das eingestehen konnte, verging eine Menge Zeit!):

    1. Ich hatte mit der Krankheit einen einzigen Bereich in meinem Leben noch völlig unter Kontrolle - meinen Körper. Alles andere war wirr, nicht verlässlich und chaotisch bis hin zu bedrohlich. Daraus resultierte, dass ich mein Glück an einer Zahl festgemacht habe (Idealgewicht), dass ich immer wissen musste, wie spät es ist, dass ich immer wissen musste, wie viel ich gegessen, wie viel ich getrunken hatte. Es war eine Zahlenbesessenheit, die mich alles andere zumindest zeitweilig vergessen ließ.

    2. Ich habe damit meine Gefühle unterdrücken können, so gut es ging. Ich war so voller Wut, Hass, Verzweiflung und Enttäuschung, dass ich Angst hatte, würde ich mir das einmal eingestehen, würde meine ganze Welt in einen Abgrund gerissen. Also schwächte ich lieber mich, ließ sich alle Gefühle gegen mich richten, um weiter zu funktionieren.

    3. Ich wollte meine Eltern zwingen, endlich die Verantwortung zu übernehmen, für sich, für ihr Leben, auch für mich. Ich wollte Kind sein, einmal Kind sein und bleiben und habe mich mit dieser Krankheit in einem schlanken, unweiblichen Körper gehalten.

    Ich denke, dass es ganz wesentlich ist, dass in meiner Familie über Probleme nicht geredet wurde und dass Kritik über dämliche Sticheleien abgesondert wurde. Niemand hatte einen festen Platz, eine Rolle, an die er sich halten konnte. Gemeinsamkeiten (unter anderem gemeinsames Essen) gabs nicht. Es gab auch keine Rituale mehr.

    Durch mein Unvermögen, mit Emotionen vernünftig und erwachsen umzugehen (ich hatte es ja einfach nicht erlebt, dass man Probleme haben, drüber reden, schimpfen, weinen kann und dass es irgendwann auch wieder ok ist), hat sich das immer weiter gesteigert.
  3. HannyBee

    HannyBee War schon öfters hier

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    "Systematische Ebene"

    Das ganze hat aber nicht nur meine (inner-)psychische Ebene, sondern auch eine systematische:

    In meiner Familie habe ich die Krankheit gehabt, meine Schwester hat es und meine Cousine (Tochter meiner Tante mütterlicherseits) hat es auch. Mich hat das sehr gewundert, bis ich mir mal die Herkunftsfamilie meiner Mom angeschaut hab: Ihre Mutter war Alki, ihr Vater (Kriegsversehrter) auch zeitweise. Die Ehe der beiden war völlig zerrüttet. Sie hassten und sie liebten sich, könnte man sagen. Meine Mom hatte schon eine echt schlimme Kindheit, ebenso wie meine Tante. Komisch also, dass vor diesem Hintergrund die Töchter krank werden. Ein System?

    Wie gesagt, bin ich fest davon überzeugt, dass die Familie (im weiteren Sinne!) und ihr System die Basis dieser Erkrankung ist. Nochmal, weil es mir so wichtig ist: Ich will damit aber niemandem die Schuld zuweisen!!!

    1. Herkunftsfamilie

    Ich glaube, dass der Co-Alkoholismus, das Versteckenmüssen und die Ausreden, die die Kinder von Alkis erfinden müssen, weil sie sich des Alkoholikers schämen, zur Konfliktunfähigkeit meiner Mutter (und meiner Tante) geführt hat. Sie ist selber auf einer kindlichen Ebene stehengeblieben (nicht böse gemeint) und konnte mit Konflikten nie gesund umgehen. Kritik kam immer hintenrum. Diese Konfliktunfähigkeit hat dazu geführt, dass ich ihr nie meine Meinung sagen konnte, aus Angst, ich würde sie kaputt machen. Ich erlebte meine eigenen Gefühle als Bedrohung für sie und damit letztlich für mich, denn ich musste sie erhalten, damit wir nicht alle kaputt gehen.
    Meine Mom hat auf laissez-faire gesetzt, wir hatten keine Grenzen. Es war völlig egal, wann wir nach Hause kamen. Es gab keine Regeln. Das klingt erst mal wie ein Traum, ist aber ganz schön übel, wenn der einzige verbliebene Erwachsene dir nichts an die Hand gibt, wonach du dich richten kannst. Dann beginnst du nämlich selbst, bescheuerte Regeln aufzustellen und wenn es nur ist, was man isst und wann man es isst.
    Meine Tante lässt meine Cousine nicht groß werden, sondern bevormundet sie weiterhin (sie ist Ende 20!!), trampelt über sie hinweg und achtet ihre Grenzen nicht.

    2. "Eigene Familie"

    Neben dieser Herkunftsfamilie gab es dann noch meine eigene Familie. Bei mir war es da so, dass ich (neben meinen eigenen inneren Problemen, siehe oben) viel zu früh in eine Verantwortungsposition gerutscht bin, als älteste Tochter. Nachdem mein Pa weggegangen war und meine Mom nicht mehr klarkam, war ich die andere erwachsene Person in der Familie. Ich hab sie unterstützt, zurückgesteckt, meine Geschwister (neben der jüngeren Schwester gibts einen jüngeren Bruder) versucht zu erziehen.Ich hatte den Traum, wie Familie, wie eine Mutter sein sollte und hab versucht, ihnen das zu sein.
    Dann kam mein Stiefvater, der eigentlich die Rolle des anderen Erwachsenen hätte ausfüllen sollen. Aber das hat er nicht. Er ist sehr auf sich bezogen, geht nur für sich einkaufen, hat seinen eigenen Kühlschrank behalten (!!), ein eigenes Zimmer, in das niemand durfte (mein Gott, er hat mir mal gesagt, meine Freundin würde zu laut lachen, dass würde ihn stören :mad:)etc. Ich befand mich in der Rolle, weiter meiner Mutter den Rücken stützen zu müssen und trotzdem dafür nicht anerkannt zu werden.
    Und immer dahinter meine eigene Verzweiflung und meine Wut. Auf alle, auf die Umstände, auf mich selbst, auf meinen Vater, der mittendrin einmal für drei Monate die Zahlungen eingestellt hatte. Es waren unerträgliche Zustände.

    Tja, so war das. Ich bin froh und glücklich, wenn ihr auch nur einen einzigen Satz hierin findet, der euch weiterhilft, der euch zum Nachdenken und einen Schritt voranbringt, denn für euch ist das hier geschrieben!
  4. Michi

    Michi mybulimie.de Staff Member

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    "Ich wollte meine Eltern zwingen, endlich die Verantwortung zu übernehmen, für sich, für ihr Leben, auch für mich. Ich wollte Kind sein, einmal Kind sein und bleiben und habe mich mit dieser Krankheit in einem schlanken, unweiblichen Körper gehalten." Das war ähnlich bei mir. Das mit der Kontrolle kann ich nicht teilen. Ich hatte viel Kontrolle, auch über andere Sachen, ich brauchte also nicht etwas, das ich richtig kontrollieren konnte und ich allein darüber entschied, weil die Krankheit war immer mächtiger als mein eigener Wille. Ich versteh auch, was du meinst. Man kann der Familie nicht die Schuld geben, aber sie legt die Basis, das denke ich auch. Ich bin zwar nicht die Älteste, aber ich war die, die immer die "Vernünftige", die "Erwachsene" war; dabei wollte ich das nicht, ich wollte die kleinere Schwester sein, aber ich wurde nicht so behandelt und jeder dachte immer, ich pack alles, ich krieg alles hin. Das sagte ja auch meine Mum, nachdem sie wusste, dass ich krank war. "Bei deiner Schwester hätte ich bedenken, aber ich weiß, du kriegst das hin." Dabei wollte ich Hilfe, ich packte das nicht, ich musste wieder die spielen, die alles im Griff hat, wie immer. Ich muss sage, du hast eine sehr harte Vergangenheit, ich habe eher mit anderen Dingen zu kämpfen gehabt (Trennung der Eltern, Spielsucht, Sekten, Geldsorgen, Drogen, aber nur harmlose, etc. ), aber es ist sicherlich nicht ohne die Vergangenheit zu sehen, sie spielt sicherlich eine Rolle, da hast du absolut Recht! Ich finde es super, wie du schreibst und mir hilft es, mir hilft es echt. Aber wie lange warst du krank und wie hast du es gepackt?
  5. HannyBee

    HannyBee War schon öfters hier

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    Oh Gott, ja, herzlichen Dank, so eine Mom hab ich auch!! Als sie es merkte, hat sie mir in etwa gesagt: Wenn du das willst, dann tu das. Um dich kann ich mich nicht auch noch kümmern! Ich wollte auch Hilfe, ich würde fast sagen, ich wäre bereit gewesen, dafür mein Leben aufs Spiel zu setzen, dass sie mir endlich hilft. Aber nach dem Satz war ja alles klar. (Ich nehms ihr nicht mal übel, wir waren alle einfach nur fertig..)
    Ich hatte es acht Jahre, durchbrochen von mal einem Jahr, mal ein paar Monaten, in denen es weniger war. Ich glaub, es ist egal, was du für eine Vergangenheit hast. Du kannst auch allein an der Trennung deiner Eltern zerbrechen, wenn du einfach nicht weißt, wie du damit umgehen sollst. Das Schlimme ist nicht der Anlass, sondern unsere Art, damit umzugehen - wir können es nicht bewältigen.
  6. Michi

    Michi mybulimie.de Staff Member

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    Stimmt. Oder vielleicht haben wir Dinge einfach nicht verarbeitet. Klingt zwar sehr psychologisch, aber ist wahrscheinlich so. Wie lange hast du dann den Scheiß schon hinter dir?
  7. HannyBee

    HannyBee War schon öfters hier

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    Länger als drei Jahre. Und der Zwang ist weg. Ich weiß, das ist keine Phase. Das ist echt :D
    white und Michi gefällt dies.
  8. HannyBee

    HannyBee War schon öfters hier

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    Klar darfst du das fragen! :)
    Das Ding bei mir ist, ich hab eine Schwester, die da drin steckt und eine Cousine (hat wie bei dir eine Generation "übersprungen", wenn man das so nennen kann - meine Mom und Tante hatten andere Probleme). Mich interessiert das Thema nach wie vor, wie andere das sehen, wie andere Charaktere damit umgehen, welche Wege man noch gehen kann. Mich bewegt die Frage, wieso meine Sis und Cousine es nicht schaffen - und die Hoffnung, dass meine Sis da eines Tages rausfindet.
    Bei mir ist es so, dass ich damit jetzt ganz normal umgehen kann. Wenn Leute Witze über die "Alzheimer-Bulimie" dieser Komikerin reißen, kann ich lachen. Früher hat es mich geschmerzt, wenn da jemand drüber gelacht hat.
    Ich muss es nicht weglegen. Es ist ein Teil meines Lebens gewesen, so traurig dieser Teil auch gewesen sein mag.
  9. Hase

    Hase Guest

    Hallo ihr,-

    vielleicht kann ich auch noch einen andren aspekt darauf werfen. Bei mir spielt natürlich das thema "mutter" und familie auch eine rolle. Zum teil das mir eingeimpfte leistungsstreben (eine zwei war nie gut genug, es hätte ja genausogut eine eins sein können), und das gefühl, dass egal was ich mache, es nie genug ist. Ich nie genug bin. Daraus ist bei mir dann ein perfektionismus geworden, mit dem ich heute manchmal noch richtig zu kämpfen habe. Und natürlich - in jüngeren jahren - leistungsorientierung bis zum umfallen, und das meine ich wörtlich. Ich hatte zwei hörstürze und eine ganze menge gesundheitlicher probleme durch exzessive arbeit, und auch heute muss ich mich nochmal am riemen reissen, pause zu machen, was zu essen, was zu trinken etc.

    Aber was ich eigentlich schreiben will: Bei mir sind die FA´s im mittleren alter schlimmer geworden, und zwar jetzt in einer phase, wo die meisten frauen entweder im job total durchgestartet sind, und/oder kinder haben, die erwachsen werden. Bei mir hat es mit den kindern - als mir dann klar war, dass ich welche wollte - leider nicht mehr geklappt; ich hatte immer die falschen männer kennengelernt. Jetzt habe ich einen wunderbaren freund und partner, aber der zug ist so gut wie durch, und irgendwelche künstlichen aktionen, damit es doch noch klappt, wollen wir beiden nicht.

    Nun, und nachdem ich verschiedentlich und auch lange genug nach der erfüllung im job gesucht habe, ist mir jetzt klar, dass ich die dort nicht finden werde. Zwar habe ich einen guten job, wenn auch mit einer gehörigen portion unsicherheit, da ich selbständig bin, aber im grossen und ganzen hat es das leben mit mir gut gemeint. Ich verdiene gut und kann mir eine menge leisten. Allerdings zahle ich auch einen preis dafür. Ich arbeite in der regel in grossen firmen, und dort werden die zustände immer extremer, der druck immer grösser. Ich bekomme das - auch als externe - natürlich mit, und es ist ein umfeld, in dem es einem nicht gut geht. Eine alternative - meine "berufung" habe ich noch nicht gefunden, also sehe ich den job als broterwerb. Diese schiene aber auszubauen, also noch mehr zu machen, leute einzustellen, mrs. wichtig zu werden, reizt mich null. Ich bin grad froh, wenn ich meinen job in ruhe machen kann und keinen stress habe.

    So gut wie das alles äusserlich aussehen mag - und manche freunde meinen, ich hätte es ja ideal getroffen - stell ich mir die ganze zeit die frage "was mach ich mit dem rest meines lebens"? Ich habe so sehr das bedürfnis nach einer sinnvollen aufgabe, und werde auch weiter danach suchen, aber in der jetzigen arbeitswelt und gesellschaft fällt mir das schwer. Selbst freundschaften, die mich früher getragen bzw. mir viel gegeben haben, haben sich verändert. Alle sind total im stress, jeder ist nur am kämpfen und überleben, und für gemeinsamkeit, reden, lachen, sich ausheulen, ist kaum mehr kraft und zeit da.

    Ich habe gemerkt, dass dieses gefühl der leere, mit dem ich im moment kämpfe, viel mit den FA´s zu tun hat, bzw. mein problem verschlimmert. Gott sei dank habe ich einen wirklich wunderbaren partner, der davon weiss und mich so gut er kann unterstützt - oder jedenfalls akzeptiert. Aber das ist mein problem, das ich selbst lösen muss. Und ich kenne ganz wenig menschen (frauen), die sich damit auch so intensiv auseinandersetzen. Die meisten lenken sich ab; gehen entweder im job auf, oder stürzen sich in ihren zweiten frühling. Hab ich alles schon gehabt. Ich suche SINN.....

    Könnt ihr damit was anfangen? Beziehungsweise gibt es welche unter Euch, denen es ähnlich geht?

    fragt
    Hase
  10. Hase

    Hase Guest

    ...was ich noch hinzufügen wollte: Die muster der vergangenheit sind trotzdem sehr stark. Vor einigen wochen hatte ich mit meiner mutter eine art auseinandersetzung, wo sie mir fast wörtlich nochmal sagte, ich tue nicht genug für sie. Danach ging es mir eine woche lang komplett besch...., mit extremen rückfällen. Das hat mich dann doch mehr getroffen, als ich es - in meinem alter und mit allem, was ich schon bearbeitet habe - gedacht hätte...

    Hase
  11. HannyBee

    HannyBee War schon öfters hier

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    Hallo Hase :)

    Ich lese dir hinterher, wie du siehst :)

    Ich denke, der Perfektionismus spielt bei dieser Art der Krankheit eine große Rolle, in vielerlei Hinsicht. Es geht bei vielen von uns darum, dass wir wohl kollektiv das Gefühl haben, wir seien nicht gut genug, unsere Ziele, Wünsche, unser ganzes emotionales Erleben wäre nie gut genug. Egal, was wir leisten, egal, was mir machen. Wir scheinen immer zu klein, zu dünnhäutig für das Leben zu sein. Innen. Draußen sind wir megataff, Mannsweiber, ziehen unser Leben durch und werden bewundernd angeschaut für das, was wir erreicht haben.

    Das mit den Mutterproblemen und diesen Auseinandersetzungen ist (leider) etwas, für das man nie zu alt wird.
    Versuch auch da einmal, in dich reinzulauschen: Was hat dich getroffen? Der Vorwurf als solcher? Sagst du insgeheim: Sie hat recht. Aber ich will gar nicht mehr für sie da sein? Oder bist du innerlich das "liebe Mädchen", das von Mama einfach nur toll gefunden werden will? (ich meine das nicht abwertend, ich meine das zutiefst ehrlich. Ich kenne und habe dieses kindliche Gefühl gegenüber einigen Menschen. Man muss es nur sehen und damit umgehen, sonst geraten manche Dinge aus dem Ruder.)
    Vor einigen Wochen - war es zur Weihnachtszeit, löst das etwas bei dir aus? Nach was sehnst du dich bei deiner Mutter? Vielleicht hilft es dir, dich mal hinzusetzen, einen Zettel zu nehmen und einfach an Worten kommen zu lassen, was du von ihr gerne mal gehört hättest. Ganz frei und assoziativ, ohne irgendwas zu bewerten. Und wenn es nur ein "gut gemacht" ist.
    Und mach dir eines klar (es klingt simpel, aber ist schwer): Du bist nicht für die Gefühle deiner Mutter verantwortlich. Sie entscheidet selbst, wie sie auf dein Verhalten reagiert.

    Gestern hab ich mich gefragt, ob das Leben einfach nur bedeutet, Traumata zu sammeln und vor ihnen davonzulaufen (das ist nicht depri, das war einfach eine interessante Vorstellung :) - eine sich aufbauende Lawine, die hinter uns herrollt... Was machen wir daraus? Laufen/ Leben wir noch schneller? Verstecken wir uns? Oder drehen wir uns um?.

    Sinnsuche. Ich denke, wer ein bisschen nachdenkt und nicht ständig von Medien etc abgelenkt wird, fragt sich hin und wieder nach dem Sinn von allem. Der eigenen Existenz, des eigenen Lebens, des Schaffens, des Wirkens. Jedes Mal, wenn wir denken, dass das Leben morgen vorbei sein könnte, schmerzt es uns ein wenig, weil wir glauben, wir hätten noch nicht alles gemacht, nicht alles gesagt, etc. Und dabei ist das Leben ja gerade deshalb so kostbar. Würdest du diese Fragen gegen ein Leben tauschen wollen, in dem du völlig bewusstlos vor dich hinlebst, fremdbestimmt und fremdgelebt? Ich nicht.

    Ich häufe zum Ende mal ein paar Fragen auf, vielleicht gibt dir eine davon einen kleinen Stubser.

    Was ist ein "gutes" Leben? Beginnt es bei einer Gehaltsstufe? Was muss "man" bei einem guten Leben alles haben/ besitzen, was darf nicht da sein?

    Wann ist ein Mensch etwas wert?

    Wie definiert sich eine "richtige Frau", was zeichnet sie, ihren Charakter, ihre Haltung aus?

    Und woher kommen deine Vorstellungen und Antworten, die du beim Lesen gedacht hast? :)

    Es grüßt ganz lieb,
    die Bee
  12. Hase

    Hase Guest

    Liebe Bee,-

    das sind ein haufen fragen, und ich freue mich total über Deine antwort.

    Lass mich mal versuchen zu antworten - falls nötig, scheibchenweise.

    Zuerst würde ich aber gerne mehr von Dir erfahren. Wie alt bist Du? Was machst Du beruflich? (so ungefähr jedenfalls)? Bist Du single? Hast Du kinder? Ich hoffe, es ist OK, dass ich das so frage - wenn Dir eine frage zu intim oder zu direkt ist, lass es mich bitte wissen.

    Was meine mutter betrifft, so ist sie jetzt 84. Ich habe 4 geschwister, und wir versuchen uns so gut es geht um sie zu kümmern, da sie jetzt doch gebrechlicher wird, d.h. zu ärzten fahren, zu einer ausstellung mitnehmen etc. Sie lebt noch allein im eigenen haus und ist auch geistig noch voll da. Mein vater ist tot; gestorben 1983. Seitdem hat sie sich schon positiv verändert, erkennt uns mehr an, ist nicht mehr ganz so fordernd. Aber manchmal kommt es halt doch noch durch. Ich kümmere mich aus den folgenden gründen um sie: a) Merke ich, dass sie viel nicht hat leben können, auch weil sie sich nur begrenzt aus den sexistischen und bigotten einschränkungen ihrer familie und ihrer generation hat freimachen können. Da möchte ich ihr helfen, manches noch zu erleben (soweit möglich). b) braucht sie uns kinder, weil sie wirklich gebrechlicher wird. Es wäre nicht OK, wenn wir uns nicht kümmern. Das heisst aber natürlich nicht, dass wir jetzt ständig auf habtacht stehen müssen. Aber ich spüre da schon eine verpflichtung. Und c) weiss ich, dass sie einen haufen scheiss hat gefallen lassen müssen, weil sie anders war als andere frauen. Da hab ich dann wieder verständnis. Wegen all dieser gründe tu ich vielleicht manchmal mehr, als ich müsste. Sie hadert noch oft mit manchen teilen ihrer vergangenheit. Und wenn´s ihr schlecht geht, dann lässt sie es - unabsichtlich - an uns ab. Dann ist nichts gut genug, was wir je tun könnten. Das erinnert mich einfach an meine kindheitserlebnisse. Sie hat sehr darunter gelitten, dass sie mit einem haufen kinder zuhause sass und nicht ausbrechen konnte. Die unzufriedenheit haben wir damals voll abgekriegt, und das ist das, was heute noch schmerzt.

    ...fortsetzung folgt
  13. Hase

    Hase Guest

    Zu Deinen fragen:

    a) Was ist ein gutes leben?

    Mit gehalt und materiellem hat es nicht wirklich viel zu tun. Ich denke, es hat etwas mit weitergeben zu tun. Entweder durch kinder, und/oder durch andere sachen. Das ist ja etwas, worüber ich geschrieben habe. Dass ich keine kinder habe, finde ich heute nicht mehr so schlimmt, aber es fehlt mir die aufgabe. In dem zusammenhang denke ich ja immer noch darüber nach, mich zu engagieren. Habe kürzlich im internet recherchiert. Im moment unterstütze ich eine familie aus dem land, wo ich letztes jahr urlaub gemacht habe. Das bringt mir schon was, aber es reicht nicht. Ich brauche eine aufgabe.
    Dann noch was: Ich glaube, ein gutes leben ist gelebtes leben. Nicht aus angst vor neuen erfahrungen die hälfte nicht gelebt zu haben. Die momente genossen zu haben. Was aus der zeit gemacht zu haben. Oft habe ich das gefühl, die zeit rennt mir davon - ich werde älter und älter, und es passiert nicht viel... Dann erinnere ich mich aber auch oft an die kleinen dinge - das heim, das mein freund und ich uns jetzt aufbauen. Die vertrautheit. Die rituale. Diese glücksgefühle hab ich auch, immer mal wieder. Aber umso mehr nervt es mich, dass die krankheit mich davon abhält, mich mit wirklich wichtigen und schönen dingen zu beschäftigen. Wie wenn sie mich vom eigentlichen leben abhält.

    b) Wann ein mensch etwas wert ist?

    Das ist eine schwierige frage - weil ja wohl jeder etwas wert ist. Für mich hat es viel mit bestimmten werten zu tun, die ich lebe bzw. leben will. Da zum beispiel finde ich es schwierig, das in den heutigen zeiten zu leben. Bei den wichtigen dingen versuche ich es aber. Und es hat was mit geben zu tun - ich glaube, das ist es, worauf es ankommt. An was glauben. Aber die frage mit dem "wert" kann ich nicht wirklich beantworten.

    Du schreibst auch von dünnhäutigkeit - auch das ist ein problem, das ich habe. Für den job, den ich mache, bin ich extrem - eigentlich zu - sensibel. Ich kriege das mit, da ich fast nur unter männern arbeite, und denen gehen einen haufen sachen, die mich belasten, einfach am a... vorbei. Habe mich mit eben jener freundin mal darüber unterhalten. Sie meinte nur "in welcher märchenwelt lebst Du eigentlich"? Woraufhin ich meinte "ich lebe in gar keiner märchenwelt - aber zu wissen, das die welt so ist, hilft mir nicht immer, damit gefühlsmässig fertigzuwerden". Was ich damit sagen will, ist: Ich bin einfach dünnhäutiger als manch andere, und hab oft das problem, wohin ich den ganze frust stecken soll. Als ich in therapie war, hat mir meine damalige therapeutin was denkwürdiges gesagt. Sie meinte: Sie sind in einer karrierebranche. Da kriegen Sie schon mal eins drauf. Dann sind Sie eine frau in einer männerwelt. Da kriegen Sie nochmal eins drauf. Und dann sind Sie auch noch attraktiv und intelligent. Da kriegen Sie erst recht eins drauf. Heute, mit ca. 20 jahren berufserfahrung, würde ich sagen: Sie hat recht. Genauso ist es. Und auch wenn es nichts bringt, sich deswegen leid zu tun, ist das vielleicht auch einer der gründe, weshalb die krankheit auch oft uns frauen erwischt. Zumindest in bestimmten konstellationen. Ich find´s nicht einfach, eine frau zu sein heute. Es war noch nie einfach, aber es ist heute auch nicht einfach.

    c) Wie sich eine richtige frau definiert?

    Auch das kann ich nicht pauschal beantworten. Ich halte nicht viel von geschlechter-klischees. Ich finde frauen toll, die alle seiten an sich ausleben, auch die männlichen. Und ich finde auch frauen toll, die mit ihrem körper happy sind, auch wenn der kein gardemass hat. Was mich aber nicht davon abhält, selbst probleme damit zu haben...

    d) Woher meine vorstellungen und antworten kommen?

    Sicher eine kombination aus vielem. Man nehme das, was ich als kind aufgesogen habe, verquicke es mit meiner langjährigen therapie (in meinen zwanzigern), einer menge lebenserfahrung, sowohl beruflich, wie privat, und einfach einer grundanlage zum hinterfragen, plus einer extremen dünnhäutigkeit (zumindest in manchen bereichen). Dann auch noch ein paar antworten, die ich im spirituellen / esoterischen dialog finde. Das alles ergibt den reim, den ich mir versuche auf die welt zu machen.

    Wie geht es Dir mit alldem? Mit anderen frauen? Kommentaren über Dein äusseres (sofern sie gemacht werden)? Gespräche - vor allem unter frauen - über gewicht und aussehen?

    Hast Du es geschafft, da mit Dir ins reine zu kommen? Und wenn ja, wie?

    Bis bald und dan ke,-
    Hase
  14. Hase

    Hase Guest

    Hier nochmal kurz:

    Wenn ich so die anderen beiträge lese, scheint sich immer mehr herauszukristallisieren: Mutter, die nicht wirklich bemuttern kann. Leistungsanforderungen. Perfektionismus. Und das unvermögen, mit emotionen umzugehen. Mit kritik, mit fehlern, enttäuschungen, scheitern. Nämlich damit so umzugehen, dass es das eigene SELBST nicht allzusehr in frage stellt. Und so wehren wir dann diese gefühle (bzw. was auch immer in dem zusammenhang ausgelöst wird), durch ungesundes essverhalten ab.

    Ich weiss nicht, wie es Euch geht - aber nach einem FA und anschliessendem erbrechen fühle ich mich irgendwie schon "gereinigt". Die gefühle sind dann weiter weg oder nicht mehr so stark. Hinzu kommt natürlich die scham, dass ich mal wieder rückfällig geworden bin, und ein schlechtes gewissen meinem körper gegenüber. Aber es fühlt sich irgendwie so an als könnte man - leer - wieder von vorne anfangen und sich - leer - besser fühlen.

    denkt
    Hase
  15. HannyBee

    HannyBee War schon öfters hier

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    Erst mal zum letzten Stück:
    Ja, das war bei mir auch so: Nach dem Anfall fühlte auch ich mich „gereinigt“. Dieser wahnsinnige Schmerz und dieses wahnsinnige Toben und Brodeln fand für eine Zeit Ruhe. Ich schaffte es, alles noch weiter zu verdrängen und „runterzudrücken“. Das ging auch eine Weile lang, bis ich dann von wirklich krassen Alpträumen heimgesucht wurde (Leichen, die sich nicht auflösen, Tote, die hinter mir herkriechen etc – meine Psyche ist da sehr eindeutig :D) weil die Gefühle ja nicht weg waren. Es wurde eher immer schlimmer, es schaukelte sich auf, bis ich mich irgendwann fragte, woher diese Urpsrungsgefühle kamen und welche Gelegenheiten/ Ereignisse das auslösten.

    Es gab eine Zeit, da musste ich nur rausgehen und glückliche Kinder sehen und es ging mir megaschlecht – nur habe ich das nicht verknüpfen können, was mit mir los war. Zu dem Zeitpunkt ging ich noch davon aus, eine „normale“ Kindheit gehabt zu haben -.-
    Nachdem ich dann darauf achtete, was für Gefühle durch welches Ereignis auftauchten, konnte ich mich sogar in vielen Fällen entscheiden, ob ich dem Anfall nachgebe oder nicht. „Sag ich jetzt xyz, dass ich das mies finde oder geh ich mich noch ein bisschen selbst zerstören?“
    Es war kein allumfassender Strudel mehr, kein zwingender Drang mehr, als ich die Auslöser erkannte.
  16. HannyBee

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    Zu meinem Umgang mit Frauen:
    Ich finde Frauen einfach grundsätzlich sehr ästhetisch. Wenn ich eine andere Frau ansehe und sie ist dünner als ich, hat längere Haare als ich, eine schönere Hose als ich, beneide ich sie nicht, sondern denke: Wow, die hat einen schönen Körper/ die ist geschmackvoll gekleidet/…ich freu mich dann einfach, dass ich jemanden gesehen habe, der schön ist. :)
    Kommentare zu meinem Äußeren.
    Kann mich grad nicht an den letzten negativen Kommentar erinnern. Aber genauso wie ich die Straße runtergehe und bei Männern denke: „Nicht mein Fall, nicht mein Fall, nicht mein Fall – hübsch“ gehen auch andere die Straße runter und denken das. Das ist ja das Schöne an Vielfalt, das für jeden was dabei ist. Ich muss und kann doch nicht jedem gefallen. Ich bin nicht everybodys darling. Ich bin nicht so dermaßener Durchschnitt, dass jeder Mensch auf der ganzen Welt mich schön findet (zB japanische Schönheitsideale, zB einfach Altersunterschiede). Unser Problem ist, dass wir glauben, wir müssten von allen schön gefunden werden. Finden wir denn alle schön? Und: wir legen den Focus auf die Medien. Hochgefotoshopte, überschminkte, geliftete, ausgeleuchtete ätherische Figuren sind das Maß, das wir uns morgens neben unseren Spiegel denken.
    Aber nehmen wir uns doch mal eine Auszeit und setzen uns irgendwo auf eine Bank und beobachten, wer vorbeikommt. Sind die alle 20jährige, langbeinige Gazellen mit wehenden Haaren und großen Augen? Äh – nein?! :D
    Mit dieser Grundeinstellung bin ich mit mir selbst im Reinen. Und Gespräche mit anderen Frauen über Gewicht und Äußeres sind für mich aus genau diesem Grund meist anstrengend. Niemand kann seinen Knochenbau ändern. Warum also sollte jemand, der einfach breit in der Hüfte ist, daraus nichts machen? Er wird niemals knabenhaft aussehen. Und das ist gut so. Ich persönlich finde es schön, wenn an Frauen ein bisschen was dran ist (also jetzt nicht übertrieben Rubens, aber ich bin einfach kein Fan unterernährter Models).
    Klar, wenn wir groß werden, kommen alle Mädels in die Phase, in der sie sich im neuen Körper zurecht finden müssen. Eben warst du noch eine dünne neunjährige und plötzlich sprießen Brüste, Pickel, und Haare. Da fragen wir uns, wie wir aussehen wollen und einige wollen lieber die knabenhafte neunjährige bleiben. Da kämpfen wir erst mal mit schwellenden Formen.
    Und wenn jemand übergewichtig ist und daran etwas ändern möchte, dann soll er das bitte tun.
    Aber Gespräche unter Frauen über dieses Thema arten nach meiner Erfahrung zumeist in Gejammer oder Angeberei aus.

    Mich nervt insbesondere (gestern wieder erlebt), dass Frauen ständig damit angeben, wie wenig sie gegessen haben bzw. dass sie noch gar nichts an dem Tag gegessen haben. Was soll das der anderen Frau sagen? Was will diese Frau dann von mir hören? Bewunderung, weil sie sich offenbar so unter Kontrolle hat? Will sie umsorgt werden, soll ich sie ausschimpfen? Umgekehrt würde ich nie erzählen, dass ich heute schon zwei Brote und einen Teller Nudeln gegessen hab. Warum auch?
    Frauen gehen untereinander mit sich nicht gut um. Sie bewerten sich und andere mit Argusaugen und pushen sich gegenseitig.
    Mich nervt auch die „Muskel-Hysterie“. Ich kenne Frauen, die fahren kein Fahrrad, weil sie sonst zu große Wadenmuskeln kriegen.
    Das als kleiner morgendlicher Aufsatz :D
  17. HannyBee

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    Ich denke aus unseren „fehlenden“ Müttern, die uns keinen „gesunden Umgang“ mit Emotionen vermitteln können, resultiert auch unsere Unsicherheit in bezug auf „Frausein“. Unsere Mutter ist das erste weibliche Wesen, das wir in unserem Leben sehen. Sie ist Vorbild. Wenn sie keinen Zugang zu uns hat oder wir sie später mit anderen Müttern/ Frauen vergleichen und zu dem Schluss kommen, dass wir so nicht sein wollen, dass das nicht das Optimum ist, bekommen wir ein Problem damit, ein gutes weibliches Bild in unserem Leben zu finden. Was ist weiblich?Wer ist Vorbild?
    Wir werden überflutet mit einem Überangebot an sich auch noch wandelnden Vorstellungen, die nicht zueinander zu passen scheinen: Sexy-mütterlich, hingebungsvoll-durchsetzungsfähig, stark-hilfsbedürftig – was sollen wir doch noch alles sein? Wie viele Partner müssen wir gehabt haben, wie müssen wir aussehen? Wie zieht eine Frau sich an – lässig, chic, „tussig“? Ist „Sex-and-the-City“ das Maß aller Dinge, sind das da Frauen, denen wir nacheifern wollen? Oder Mutter Theresa? Oder Angela Merkel? Oder oder oder.
    Dabei begehen wir meines Erachtens folgenden Fehler: Wir machen eine Collage, wir erstellen uns ein Puzzle. Wir nehmen von allen Frauen in unserem Leben das, was wir toll finden und so wollen wir dann sein. Das kann aber nur schiefgehen. Diese Gegensätzlichkeit zwischen Heiliger und sexy Vamp, die wir uns da zusammenschustern, sind nur eine Vorstellung, nur zusammengesetzte Vorstellungen über die optimale Frau. Keine Frau auf der Welt ist so. Keine kann so sein. Vergleichen wir uns mit abstrakten Gemälden von Picasso? Nein! Weil wir wissen, das es ein Bild ist. Bei uns und unserer Vorstellung von Frausein sehen wir das anders. Da ist dieses Bild das Maß aller Dinge, obwohl es nichts als eine Fiktion ist.
    In diesem Strudel aus „frau muss“ verlieren wir, wer wir sind und was wir wollen. Wir denken, wir müssen taff sein. Wir denken, wir müssten fürsorglich sein. Wir denken und denken und nehmen gar nicht mehr war, was wir wollen. Wollen wir einfach nur Mutter und Hausfrau sein? Ach du liebe Güte, das geht ja gar nicht! WARUM NICHT? Wenn es dich persönlich und NUR DICH glücklich macht, erfüllt?
  18. HannyBee

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    Ich erzähl euch heute mal ein kleines Märchen:

    Als ich ein junges Mädchen war, wurde ich in der Schule „sexuell belästigt“. Nichts „Großes“, wie ich jahrelang glaubte. Ein anderes Kind, ein Junge, griff mir zwischen die Beine. Er war einer von denen, die immer die schmutzigen Witze erzählt haben, die ich als Kind nie verstand.

    In den folgenden Jahren wurde mir nicht klar, was das damals in mir ausgelöst hatte. Es war der letzte Tropfen gewesen, der, der ein Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Ich hatte auf irgendeiner tieferen Ebene verstanden, dass ich als Mädchen in dieser Welt nichts als „Selbstbedienungstitten“ bin. Ein Teil von mir, der das verstanden hatte, dachte sich, er müsse sich von nun an schützen. Und so wurde ich fett. Ich ließ Ring um Ring um mein Ich wachsen. Ich ließ alles verlottern, meine Haare, benutzte keine Schminke etc. Und ein Teil von mir genoss es wirklich, einfach nur das fette, hässliche Mädchen in der Klasse zu sein, denn es bedeutete, keine Angst mehr zu haben. Keine Angst vor Übergriffen, keine Angst vor Jungs. Es war eine merkwürdige Art der Freiheit, zwar gefangen in Fettringen, aber frei von Erwartungen anderer. Niemand erwartete von mir, ich müsste besonders schlau sein oder adrett oder gar liebenswert. Meine Rolle war einfach die Fette.

    Das ging lange Zeit so, so lange Zeit, dass ich irgendwann vergaß, dass das eine Rolle war und irgendwann nicht nur den Anlass vergaß, sondern einfach weiterlebte. Ich wurde älter und erwachsener. Mein Verstand lernte, dass es andere Wege gibt, sich zu verteidigen, sich zur Wehr zu setzen. Dass man auch schön sein kann, ohne angegriffen zu werden. Dass man auch gut aussehen kann, ohne dass man von Erwartungen überrollt wird. Ich begann, Sport zu machen und abzunehmen, auf mein Äußeres zu achten etc. Aber das kam nur in meinem erwachsenen Teil an. Der überwiegende Teil von mir blieb das ängstliche dicke Kind. Und so kam es, dass egal, welches Gewicht ich hatte, ich mich immer noch klein und fett fühlte und aus diesem Gefühl heraus auch mit Fressattacken kämpfte, die diese Unzufriedenheit und der innere Schmerz mit sich brachten. Es war mein imaginäres, schützendes Fett, dass mich nicht losließ und ich es nicht, denn das hätte bedeutet, sich der Welt, so wie sie ist, zu stellen und dazu war ich noch nicht bereit.

    Ich kämpfte einen aussichtslosen Kampf gegen die Symptome von etwas Anderem, Tieferem, einen Kampf mit der Spitze eines Eisberges, den ich nicht gewinnen konnte. Erst viele verlorene Kämpfe später konnte ich den Eisberg unter Wasser langsam Gestalt annehmen sehen und ich konnte wieder sehen, was die Ursache dafür gewesen war, dass ich als Kind dick geworden war, immer dicker, Ring um Ring. Es war meine Art gewesen, mich vor einer überwältigenden Vorstellung zu retten, von den Anforderungen, die an mich als Mensch und im Zusammenhang damit an „Frauen“ heute gestellt werden.

    Wenn du eine unattraktive Fette bist, hast du deine Ruhe und bist in Sicherheit. Niemand will etwas von dir, niemand begrapscht dich oder interessiert sich für das, was du tust. Du musst nichts erklären, denn du bist ja ohnehin sonderbar. Und die Menschen, die dich umgeben, sind da, weil sie dich wirklich mögen, egal, wie du aussiehst. Es war einfach eine kleine, sichere Welt, in die ich mich geflüchtet hatte.

    Erst seitdem ich da hintergekommen bin und das annehmen und heilen konnte, muss ich nicht mehr kämpfen. Ich muss nicht mehr fressen, wenn ich Angst habe, unglücklich bin, misstrauisch, wütend, allein. Ich muss nicht mehr kotzen, wenn ich wütend bin, zornig auf Menschen und die Welt. Ich habe die inneren und äußeren Ringe abgegeben, meine alten Freunde quasi, die mich auf meinem Weg geschützt hatten.
    Kiddel und Mariechen gefällt dies.
  19. Reese

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    Wie bin ich da hinein geschlittert?

    Mich habe viele Sachen dazu gebracht, am meisten der Wunsch zu verschwinden - egal wie und das fing in der 9.Klasse an.
    Ich habe keine einfache Kindheit - Missbrauch im Alter von 4-6Jahren durch 6 Jahre ältern Bruder. Bewusst geworden mit 15 Jahren als er es nochmal verlangte (Ich habe aber wehement NEIN gesagt und somit war es dann auch nicht noch mal dazu gekommen). Im Jahr davor, als ich 14 war, wurde ich von einem damaligen Kumpel missbraucht und auch später noch mehrfach. Mit 13 wurde ich versucht missbraucht von einem Bruder einer Freundin. Hinzugekommen waren die Probleme mit meinen Eltern, dann der Schulwechsel und das Problem der falschen Freunde. Alkohol und Drogen waren hier an der Tagesordnung. Manchmal frage ich mich, wie ich da rausgekommen bin.
    Betreffend der Essstörung wollte ich zu Beginn nur verschwinden und auch die Aufmerksamkeit meiner Eltern erringen. Aber das half nichts. Irgendwann hab ich dann wieder angefangen zu essen.....
    Zeitweise funktionierte das und dann kam wieder irgendein Hammer (z.Bsp. Tod meines Opas, die "fast"Trennung meiner Eltern, Versteigerung des Hauses...etc.) und ich hab wieder aufgehört zu essen. Aber ich bin da immer wieder allein rausgekommen, deswegen erschien es auch nie als eine Störung zum Essen. Aber wie auch, es war ein reinstes Hin und Her mit dem Zu und Abnehmen. Furchtbar und zermürbend.
    Ich weiß nicht, warum es dieses Mal SO schlimm ist.... Mir ging es anfangs darum abzunehmen, ich wollte jemand anderes im Spiegel sehen, aber auf keinem Fall mehr die Person die ich damals war. Mittlerweile erkenne ich mich nicht mehr im Spiegel, außer nach dem ich micht übergeben habe, dann sehe ich mein zerbrechliches ich - mein gebrochenes Ich. Ich hasse es mich zu übergeben, jeden Tag sag ich "Ab morgen wird das anders"... Aber klappt nicht.
    Ich war ein paar Tage per Notüberweisung im KH, aber habe mich selbst entlassen, weil mir das einfach zu viel war.
    Ich hoffe jetzt auf einen Termin im Dezember zum Vorgespräch in einer Klinik zur Behandlung der Traumata, den Autoaggressionen und der Essstörung.
    Ich habe Freunde vor den Kopf gestoßen, weil ich nicht wieder in das städtische Krankenhaus wollte...ich konnte und wollte einfach nicht. Mir tut das Leid, aber ich hab manchmal echt das Gefühl die Krankheit macht echt alles kaputt!
    Aber der Kampf wird sich hoffentlich lohnen und auszahlen, und dass ich wieder ein "normales" Leben(?) leben kann.
  20. HannyBee

    HannyBee War schon öfters hier

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    Liebe Reese,
    du schreibst, du hättest Freunde vor den Kopf gestoßen, weil du nicht mehr in das Krankenhaus wolltest - was meinst du damit?
    Diese Krankheit und der Genesungsprozess haben ihre eigene Zeit - deine Zeit. Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Ich finde es gut, dass du auch gegen Druck von außen noch sagen kannst, was du willst und was du nicht willst.

    Du schreibst auch von Kampf: Wogegen kämpfst du zur Zeit? Gegen die Krankheit? Kannst du sie als "Botschaft" an dich selbst sehen? Wenn du mit ihr reden könntest, was würde sie dir sagen?
    (Meine Schreibkompetenz ist heut nicht so ausgereift, sorry :D)

    Lieben Gruß,
    HannyBee