"Theaterspielen” – stetiger Rollenwechsel

Dieses Thema im Forum 'Anzeichen & Merkmale der Krankheit' wurde von Michi gestartet, 1 Juni 2011.

  1. Michi

    Michi mybulimie.de Staff Member

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    Ein wenig genanntes, aber enorm bedeutsame Element der Krankheit ist das ständige Theaterspielen, womit ich meine, dass man die ganze Zeit den anderen Menschen etwas vormacht. Ich spiele damit auf das ständige Rollenwechseln an. Man selbst gibt vor gesund zu sein, aber ist ständig in seiner Welt, der Welt einer Kranken, gefangen und damit beschäftigt. Ich werde dir mal ein paar Beispiele erläutern …
    • Ich stehe frühs auf und, wenn ich daran denke, was meistens der Fall ist, wiege ich mich. Hiermit ist ein erster Grundbaustein meiner Laune gelegt. Wenn ich merke, dass ich mehr wiege, wobei das absurd ist, weil man mal weniger mal mehr wiegt, bekomme ich schlechte Laune, bin schneller reizbar und keineswegs fröhlich. Das weiß natürlich keine außenstehende Person. Ich nehme mir dann schon vor weniger zu essen an dem Tag, d.h. ich plane meinen Tag bzgl. der Nahrungsaufnahme bereits frühs und wenn ich dies an dem Tag aber dann nicht einhalte und verwirklichen kann und wieder zu viel esse, sinkt meine Laune weiterhin rapide bergab. Ich hasse es dann, wenn andere Leute noch dazwischen funken mit Fragen wie “gehen wir heute essen”, ” was kochen wir dann”, “wollen wir uns wo etwas mitnehmen, d.h. Fastfood essen”. Egal was es ist, eigentlich ist jede Frage dann falsch. Naja, aber ich antworte darauf freundlich, versuche den ganzen Tag gute Laune vorzuspielen, bin aber zutiefst betrübt. Versuche Ausreden zu finden, wenn ich bestimmte Dinge nicht essen mag wegen der Kalorien oder nicht wohin mag wegen der Kalorien usw., obwohl es niemals der Wahrheit entspricht, da ich die echten Gründe nicht nennen kann.
    • Neben dem alltäglichen Vorspielen der eigenen Gemütsfassung, die selten gut ist (manchmal schon, aber sie wird viel zu oft von der Krankheit bestimmt und hängt damit zusammen), kommen die ganzen Kleinigkeiten, d.h. die kleinen Lügen dazu. Wenn ich mit jemandem essen bin, sag ich schon vorher oft, ich habe nicht so viel Hunger, nur damit ich schon vorher klarstelle, ich werde nichts Deftiges oder sehr viel Kalorienreiches essen, wobei die meisten Personen gar nicht wissen, was sehr kalorienbehaftet ist. Trotzdem sterbe ich manchmal vor Kohldampf. Ich suche mir aus der Karte nicht das Gericht aus, auf das ich am meisten Hunger habe, sondern das, was ich mir erlaube zu essen. Und da ich nicht widerstehen kann, bestelle ich mir nichts, von dem ich meine, dass wenn ich mehr esse, mein schlechtes Gewissen mich kaputt macht.
    • Man denkt den ganzen Tag über das Essen nach, ist manchmal abwesend, aber antwortet auf Fragen “Was beschäftigt dich?” nicht mit der Wirklichkeit, sondern lügt und erzählt über angebliche Gedanken.
    Kurzum: Es ist egal, welche Fragen am Tag kommen und mit wem man unterwegs ist. Viel zu oft spielt man die Rolle eines Gesunden und weiß das auch, aber ist innerlich total aufgewühlt und mit sich und seiner Krankheit und dem Thema essen beschäftigt. Es geht unheimlich viel Zeit drauf, was man keineswegs merkt bzw. nicht ändern kann. Deswegen esse ich wahrscheinlich auch soviel zwischendurch, weil ich immer an das Thema Essen denke. Kein Außenstehender kann sich vorstellen, welche Gedanken eine essgestörte Person besitzt. Es sind furchtbar viele und wirken sich auf den ganzen Tag und die tägliche Stimmung aus. Tja, und genau das muss eine bulimische Person noch verbergen, was die Anzahl der Gedanken über dieses Thema furchtbare Ausmaße annehmen lässt und die kranke Person dazu verleitet den ganzen Tag Theater zu spielen und in eine Rolle zu schlüpfen sowie sich nach außen so zu geben, wie man leider nicht ist.