Nie mehr krank?

Dieses Thema im Forum 'Ich habs gepackt' wurde von Michi gestartet, 7 Juni 2011.

  1. Michi

    Michi mybulimie.de Staff Member

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    Gut, ich wollte fragen, wer von euch hat es geschafft, das Elend zu überwinden und aus diesem ewigen Sumpf herauszutreten. Dann dachte ich mir, ohje. Geht das überhaupt. Kann man jemals sagen, dass man es nicht mehr tun wird??? Ich weiß darauf leider keine Antwort ....
  2. HannyBee

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    Hallo du Arme,
    ich bin durch Zufall hierher geraten und musste mich anmelden, damit ich dir mal ein bisschen Hoffnung machen kann.

    Ich sag dir jetzt: JA, es geht.

    Was brauchst du dazu?

    1. Mut und Kraft.
    Noch nicht resignieren ;) jemand, der es schafft, (teilweise so lang!) mit Bulimie zu leben und "nebenbei" ein Leben zu meistern, der hat mehr Kraft in sich, als er jetzt momentan sieht.

    2. Gib den Gedanken auf, dass das krank und beschissen ist, was du "dir da antust".
    Das bedeutet nicht, es gut zu finden, um Gottes Willen. Aber sieh es mal so: Es ist eine Krücke, die deine Psyche sich gesucht hat, damit sie überlebt. Es ist nicht die beste Krücke und irgendwann wirst du sie sicher nicht mehr brauchen, aber sieh es als intelligente Stütze deiner Psyche, die sich selbst retten will, um den Rest deines Lebens zu bewältigen. Das mindert die Schuldgefühle (in der dritten Welt sterben Kinder an Hunger und du kotzt - ich kenn den Kram, den man sich ausdenkt...). Es klingt auch erst paradox - aber das ist bei Junkies ähnlich. Der Süchtige flüchtet mittels des Suchtmittels aus einer Welt, die er so nicht bewältigen kann, damit er nicht endgültig vor die Hunde geht. Der Bulemiker unterdrückt zB. seine unglaubliche, alles verzehrende Wut lieber, indem er sich selbst schwächt, bevor er sich ganz (anders) zerstört oder zB. seine Familie kaputt macht.

    3. Glaube daran, dass du es schaffen kannst, eines Tages ganz gesund zu sein.
    Klingt jetzt erst mal echt krass. Jeder "Rückfall" ist blöd, zieht einen runter, aber mach dir keine Sorgen: Du schaffst das. Stell dich vor den Spiegel, sieh dir ins Gesicht und sag dir: Ich will leben! Ich WILL leben. Und ich will endlich ein gutes, ein freies, ein selbstbestimmtes Leben! Das habe ich nach diesem Leid endlich verdient! Ich schaffe das!
    Visualisier das, dass du lächelnd und ohne ein Problem und einen Gedanken an Kalorien ein Eis essend im Sonnenschein läufst.
    Ich hab mich schon mörderisch aufgeregt über Fernsehsendungen, in denen Betroffenen erzählt wurde, sie würden ewig krank sein. NEIN. Lasst euch das niemals von irgendjemandem einreden! Mit so einer Perspektive wird das nämlich nichts. Was ist das für eine Aussicht, zwar symptomfrei, aber "ewig krank" zu sein? Habt keine Angst, euch von solchen Einschätzungen Außenstehender zu befreien. Niemand kann dir sagen, du bist trotz 50 Jahren Symptomfreiheit eine "Kranke" (oder ein Kranker). Das sagt man bei Krebs ja auch nicht - oder geht ihr zu Leuten hin, die vor drei Jahren Krebs hatten und nennt sie "Ex-Krebskranke"??

    4. Geh an die Probleme ran, denen du mit der Kotzerei aus dem Weg gehst.
    Das ist das schwierigste Problem. Jedenfalls war es das für mich. Überleg dir, was dich dazu treibt, dich "in ohnmächtiger Wut" vollzustopfen und den "Hass abzuführen"? Ist das dein Thema? Oder was sonst sagt dir deine Krankheit, was will sie dir zeigen? Gehst du lieber kotzen, ehe du deinen Eltern sagst, wie scheiße ihre Ehe ist? Dass du hier das Kind bist und dass du endlich nicht mehr die Verantwortung für ihr Leben haben willst?
    Oder ist es "nur" Lifestyle? Sehnst du dich nach Geborgenheit, willst du Anerkennung? Von wem? Welcher Mensch in deinem Leben achtet dich nicht genug? Vielleicht du selbst?
    Findest du das Leben einfach zum Kotzen? Kannst du daran etwas ändern - und wenn es nur deine Einstellung ist?

    Wenn du dabei Hilfe brauchst, scheu dich nicht, sie zu suchen. Und wenn die erste Hilfe nichts bringt und die zweite auch nichts, dann mach weiter. Überleg dir, was du bereit wärst, für eine Freundin, die in Not ist, zu tun - genau das solltest du für dich selbst auch tun. DU bist immer für dich da.

    Ich weiß nicht, ob es jedem hilft, sich Literatur zu suchen. Für mich war das Lesen interessant, ich hab viel analysiert und mir Gedanken gemacht, aber ich bin damit nie an die Gefühle gekommen, die unter der Oberfläche brodelten. Denen bin ich immer aus dem Weg gegangen.

    Dir und allen anderen hier viel Kraft. Ihr schafft das. Ich habs auch geschafft. :*
    Coco31-de, Otylissi, sweet_tooth und 2 anderen gefällt dies.
  3. Michi

    Michi mybulimie.de Staff Member

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    Danke, das klingt ziemlich super. Du klingst gefestigt und stehst wohl mit beiden Beinen auf dem Boden und hast diese Krankheit überstanden - also vermute ich. Erzählst du ein bisschen davon? Wie lange warst du krank? Und woran machst du es fest, dass du wirklich gesund bist? Hast du kein bisschen mehr den Gedanken es zu tun??? Ich würde mich riesig über deine Erfahrungen freuen :)
  4. Michi

    Michi mybulimie.de Staff Member

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    Ok, ich les erst mal, was du noch alles gepostet hast, denke ich finde da sehr viele Antworten.
  5. HannyBee

    HannyBee War schon öfters hier

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    Ja, ich bin drüber hinweg.
    Ich habs acht Jahre gehabt, mal mit symptomfreien Phasen, mal mit schlechten Phasen.
    Jetzt seit über drei Jahren bin ich absolut frei davon, ich hab kein Bedürfnis, keinen Zwang mehr. Klar, da sind eine Menge Erinnerungen, an bestimmte Nahrungsmittel, die man damals immer verwendet hat. Wenn ich die beim Einkaufen sehe, muss ich lächeln und denk immer: Mensch, du Arme, was hast du damals nur mit dir gemacht? Dann hätschel ich ein bisschen das innere Kind in mir und kauf ihm nen Überraschungsei. X)

    Ich denke, der Schritt, der mich da herausgeführt hat, ist der gewesen, dass ich beschlossen habe, ENDLICH meine Meinung zu sagen, zu mir zu stehen und nicht mehr nett zu sein um jeden Preis - den Preis meiner seelischen Integrität. Statt immer alles (im wahrsten Sinne des Wortes!) in mich "hineinzufressen" an Wut, an Angst, an Trauer, einfach alles, hab ich beschlossen: Wenn mich schon keiner rettet, dann müssen die sich wenigstens meine Meinung anhören! Und - OH GOTT WAR DAS SCHWER! Ich bin innerlich tausend Tode gestorben, als ich das erste Mal meiner Mom meine Meinung gesagt hab. Echt. Ich hab gezittert, geschwitzt, meine Lippe hat so gebebt, dass ich kaum was rausgekriegt hab. Ich hatte unglaubliche Angst, dass sie sich etwas antut, wenn ich ihr was sage. Es hat geklappt, wir haben das dann per Email fortgesetzt, weil ich den Abstand brauchte, Sätze auch mal wirken zu lassen.
    Und der Auszug von zu Hause, womit ich diese ganzen kranken Strukturen hinter mir gelassen habe. Ich merke heute noch, dass es mir im Elternhaus teilweise sehr schlecht geht. Da sind die alten Bilder von früher (hab ja an anderer Stelle beschrieben, wie es bei mir war).

    Ich hab hier ja schon Tipps gegeben :) Glaubt mir, ihr schafft das auch.
    Das Wichtigste ist, dass ihr erkennt, dass ihr ein Recht auf Leben, ein Recht auf Liebe, auf einen guten Platz im Leben, Freiheit und Erfolg habt. Das ist das erste.
    Hört auf, euch zu bewerten. Warum seid ihr eure größten Feinde? Wessen Kritik wiederholt ihr da eigentlich? Seid das wirklich ihr selbst oder ist es eure Mutter, euer Vater, eure Oma?
    Ich hab mich dabei ertappt, dass ich immer dachte: MAN tut das nicht, MAN macht das nicht. Scheißegal. Ich bin nicht MAN. Ich bin keine fiktive Maßfigur. Ich bin ich. Und ich hab ein Recht drauf, so zu sein, wie ich will.
    Otylissi gefällt dies.
  6. HannyBee

    HannyBee War schon öfters hier

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    Ok, ich werde jetzt noch einmal etwas praktischer und konkreter, das oben ist ja mehr so ein Gerüst.
    Mein Rezept beinhaltete folgendes:

    1. Körper aufpäppeln
    Das erste und wichtigste, denn wahrscheinlich bist du erst mal ganz schön fertig.
    Fehlende Nährstoffe - ich habe Basica verwendet, vor allem am Anfang, wo ich total übersäuert war. Konnte kein Glas Apfelsaft ohne Magenschmerzen trinken. (soll keine Schleichwerbung sein, es gibt eine Menge basischer Nahrungsergänzungsmittel. Sucht euch eins, das passt.)
    Niedriger Blutdruck - war bei mir schon vor der ES, konnte mich kaum zum Sport aufrappeln, geschweige denn aktiv sein. Dagegen hilft mir Korodin - haut unglaublich rein, ich erkenn mich selbst kaum wieder. Wahlweise (wirkt bei mir nicht so) auch das homöopathische Mittel Asclepias Oligoplex. Oder was auch immer euch einfällt. Weißdorn, Knoblauch,..
    Ganz wichtig: Übertreib es jetzt nicht mit Sport! Klar, wenn du es wirklich ausprobieren willst, hast du Angst (siehe Punkt 2). Aber denk dran: Dein Körper ist geschwächt, gib ihm ein bisschen Zeit. Und von einer Sucht in die nächste zu springen, bringt dich wohl kaum voran.

    2. Gegen die Angst kämpfen
    Die größte Angst, die du haben wirst, ist, dass du fett wirst. Aber, so blöd das jetzt klingen wird, du musst dir folgendes klar machen: Es gibt immer den Weg zurück in die Krankheit. Hinter dir wird ja keine Tür lautstark zugeknallt, die sich nie wieder öffnet. Du verlierst nichts, wenn du es versuchst, denn an dem Punkt, an dem du jetzt stehst, kannst du nach einem Ausflug in die „Normalität“ auch schnell wieder stehen – falls du das dann noch willst. Diese Ansicht kann dir helfen, dich aufs Eis zu wagen.

    3. Körperwahrnehmung stärken
    Wir leben in so schnellen und abgedrehten Zeiten, dass wir uns selber kaum noch wahrnehmen. Wir sind wie betäubt. Oder erinnerst du dich daran, wann du das letzte Mal in einem warmen Sommerregen gestanden und das Gefühl auf der Haut genossen hast? Bist du schon mal nur in Unterwäsche im Winter im Schnee herumgekugelt? (Ich schon – scheiße, war das kalt :D) Wir lenken uns ab, indem wir den ganzen Tag über hin und her hetzen, Radio an, Fernseher an, Nachrichten rauf und runter, Handy, soziale Netzwerke, Emails,… Wo bleibt da der Körper, wo bleibt das Selbstgefühl? Nimm dir bewusst Zeit für deinen Körper. Geh barfuß über die Wiese – und wenn es nur zwei Minuten sind. Nach dem Duschen die nasse Haut einfach mal einölen (ich steh total auf das Weleda Cellulitis Öl! :3). Abends mal nicht Fernseher an, sondern einen Tee kochen, in eine Decke kuscheln. Lieblingspuschen an. Oder Socken. Oder sonstwas. Duftlämpchen, Räucherkerzen, sinnliche Massagen (massier dir selbst die Füße!),.. alles, was dir einfällt. Du musst nicht erst Bungee-Jumping machen, um zu fühlen, dass du lebst ;)

    4. Vertrauen haben, hinhören
    Am Anfang dieser kleinen Reise wirst du wahrscheinlich wie eine Dampflok am Ende deiner Kräfte immer weiter voranschnaufen. Du bist blind für deine Bedürfnisse geworden über die Zeit, denn du hast immer nur gerechnet, wie viel Kalorien du essen darfst, hast gewogen, gemessen, verglichen…
    Wo ist das Hinhören geblieben? Schmeckt es dir wirklich, wenn du dir abends heimlich nach dem Abendessen ein Glas kalten Rotkohl reinziehst? (Ich kenn das, ihr Süßen. Ich saß da, glotzte den Löffel an, glotzte das Glas an und dachte: Was zum Teufel mach ich hier eigentlich?!!)

    Hast du noch Hunger? Weißt du noch, wie sich Hunger anfühlt? Ich will hier nicht zum Hungern aufrufen, denn Hungern hieße, Hunger bemerken und nichts tun.
    Aber: Warte einmal ab, bis du wirklich Hunger hast. Schaufel dir nicht drei Mahlzeiten rein, die du am GDA berechnet hast. Ich zB bin der Typ, der frühmorgens nichts essen kann. Mein Magen fühlt sich an wie ne Kidneybohne, wenn ich um sieben aufstehe. Dann erst mal nen Kaffee und um neun kann man mal über ein Frühstück reden.
    ABER: Scheiß auf die Konvention. Wenn ich zB abends „groß“ esse, kann es passieren, dass ich bis 11 Uhr einfach keinen Hunger kriege. Da finde ich es bescheuert, über das Gefühl hinwegzuwanzen. Kein Hunger ist kein Hunger.
    ABER andererseits: Wenn Hunger (echter Hunger), dann iss. Dieses ganze Blabla mit 364 mal kauen ist nichts für mich. Ich esse, bis ich satt bin. Und wenn das dann mal drei Brötchen zum Frühstück sind, oder auch nur ein halbes. Manchmal kann ich es nicht abschätzen, ob ich jetzt noch Lust hab, noch ein Honigbrot zu essen oder ob ich Hunger hab. Dann frag ich in mich hinein: Hunger oder Lust? Große Lust? Richtig groooße Lust? Ok, dann gibt’s noch nen Brot ;) Manchmal mag man einfach die der Zunge schmeichelnde Konsistenz von weichem, flauschigen Brot :D
    Und: Sobald du bemerkst, dass du einen Fehler gemacht hast, weil du keinen Hunger hast – scheu dich nicht, es sofort auszuspucken. Das klingt erstmal blöd – aber entweder spuckst du es so aus oder später anders… ;) Also: Raus damit!

    5. Gefühle entdecken
    Wir haben alles vergraben, was uns mit unserem ursprünglichen Ich verbunden hat. Wir reagieren automatisch, wir hinterfragen nicht mehr unsere Ziele und was wir wollen.
    Ich habe mir eine Liste gemacht, damals. Eine Liste, in der ich in mich reinhorchte und aufschrieb, was für ein Gefühl ich mit bestimmten Lebensmitteln verband (dabei hat mir Geneen Roths Buch geholfen -> Buchtipps.) Kartoffel – warm, gemütlich, kuschlig, herbstlich. Frisches Gerster mit Brie – Geborgenheit, hat meine Mom immer mitgebracht, wenn sie zu viel zu tun hatte und uns trotzdem was Schönes gönnen wollte. Schokolade – Süße, Genuss, Liebe, Geborgenheit. Zimt – ich liebe Zimt. Er ist warm und sanft, aber gleichzeitig intensiv.
    Daraus habe ich mir eine Tabelle gemacht und anhand der Tabelle entschlüsselt, wie es mir ging. Lacht nicht :p ich war an einem Punkt, an dem ich nicht mehr verstand, warum ich mich wie fühlte. Die auslösenden Ereignisse wurden so schnell von mir „weggedrückt“ und verleugnet, dass ich mich fragte, woher ich schlechte Laune hatte, warum ich gereizt, nervös, ängstlich, wütend war. Es war mir ein Rätsel, warum ich wie reagierte. Heute weiß ich, was mich triggert. Ich kann zB mit dem Gefühl des Abgelehntwerdens nicht umgehen. Und mich abgelehnt fühlen geht ganz schnell bei mir.

    6. Probleme angehen
    Wie oben schon geschrieben: Finde heraus, was hinter deiner Krankheit steckt. Niemand kann dir hier den Weg vorgeben. Ich hab alles ausprobiert, was mir einfiel. Es gab keine Tabus. Ich hab Familienstellen gemacht, Homöopathie, ich war mal bei einem Therapeuten, aber ich kam gar nicht dazu, mein Problem zu erzählen, denn er drückte mir nach einer kurzen Schilderung meiner Vergangenheit einen Flyer einer Psychoklinik in die Hand.. :D Ich war beim zweiten Therapeuten, aber der war auf dem Trip, dass man provozieren muss, um voranzukommen – na herzlichen Dank, da entblätter ich doch nicht mein zartbesaitetes Seelenleben!

    Falls ihr in Therapie seid, scheut euch nicht, dem Therapeuten ganz ehrlich zu sagen, was ihr zu den Methoden denkt. Das ist für den wichtig und für euch. Und wenn er es einfach nicht ist – weiterziehen. Das ist nichts, wo man sich zurücklehnen sollte und drauf warten sollte, dass der Therapeut die richtigen Knöpfe drückt. Und manche Leute passen einfach nicht zu dir. So einfach ist das.

    Also hab ich angefangen, brutalst ehrlich zu mir zu sein und mich dem zu stellen, was mit mir alles passiert war. Ich hab darüber quasi nen Aufsatz geschrieben, ich hab fiktive Interviews mit mir geschrieben, alles. Ich hab analysiert und analysiert. Und mir ist so unendlich viel klar geworden.

    7. Sein Ich stärken
    Jaaa, auch das gehört dazu. Und was haben wir nicht alles schon gehört! Vergib dir selbst, liebe dich selbst, liebe deinen Körper, liebe dich hier, liebe dich da. Mann. Ich muss hier ja nicht den ganzen Kram runterleiern, ich wette, wir würden mindestens 20 dieser leeren Durchhaltefloskeln zusammenkriegen, was Mädels? :D Und du siehst an dir aber nichts, was so liebenswert oder toll ist. Du siehst das ein bisschen pummelige Mädchen und denkst nur: Dumme Gans. Oh Gott. Sieh dich an. -.-

    Es gibt nichts! Wirklich nicht?

    Wir können unsere eigenen Erfolge nicht mehr sehen.
    Was hast du schon geschafft? Dein Abitur? Und wenn einer sagt: Mensch, das ist ja toll – starrst du ihn an und denkst: HÄ? Wieso? Es war doch nur… Dieses „Es war doch nur..“ ist zu unserem zweiten Ich geworden. Wir sind ja die Betrüger. Klar, haben wir das Abi. Aber das war doch eher Glück. Wüssten die anderen, dass wir eine ES haben, dann… ja, was dann? Würden sie dann sagen: OH GOTT! Dein Abi mit 2,5 ist nichts mehr wert? Genauso wie dein Führerschein? Dein Auslandsaufenthalt? Dein Studium? Dein Job? Natürlich nicht. Sie würden in der Realität viel eher sagen: Mann, das hast du daneben noch hingekriegt??

    Und: Fang an, NEIN zu sagen, wenn du NEIN meinst. Nicht: Naja, vielleicht (so bin ich sogar mal versehentlich in eine Beziehung geraten!! :eek:). Richte dich in der ersten Zeit auf massiven Widerstand ein. Die anderen erleben eine geistige Vollbremsung, wenn du zum ersten Mal NEIN sagst, wo vorher ein Ja bis Vielleicht stand. Halte das durch. Übe das: Nein, ich will nicht dein Freund sein. Nein danke, ich habe grad gegessen. Nein, ich habe heute für sowas keine Zeit.
    Wenn du down bist, hör motivierende, gute Musik.

    8. Akzeptiere, dass nur du dich retten kannst
    Niemand anderes wird kommen, weder Mami, noch Papi, noch der Prinz oder die Prinzessin. Mann, als mir das klar wurde, hab ich geheult wie ein Schlosshund. Ich hab mich in der Nacht damals gefragt, warum das so ist. Die anderen müssten doch sehen… müssten sie? Bist du nicht ziemlich ausgereift in deinem Versteckspiel?
    Die anderen werden nicht kommen und dir helfen (in den meisten Fällen – in den Fällen, in denen sie was tun, ist das auch nicht immer unbedingt richtig). Sie meinen das nicht böse. Sie
    - können es vielleicht nicht, sind selber hilflos und überfordert
    - sie schnallen einfach nicht, was los ist
    - .. und und und.
    Es gibt tausend Gründe, warum niemand dich aus dem Loch holt.
    Aber du kannst es. Bau dir ne Leiter. Pack dich an den Haaren. Werd erwachsen (im besten Sinne – kümmere dich um dich selbst, als wärst du dein Kind :) ). Du kannst es steuern, auch wenn es dich manchmal zu zerreißen scheint. Nichts ist stärker als dein Wille, glaub mir. Oder willst du weiter warten und warten? Ich hatte keinen Bock mehr zu warten :D

    9. Gesunde Strukturen schaffen
    Sehr wichtig: Schaff dir ein Umfeld, das du magst. Dein Zimmer, deine Wohnung soll dir Kraft geben, nicht dich noch weiter runterziehen. Aber mit Strukturen und Umfeld ist mehr gemeint: Gibt es in deinem Leben „Energieparasiten“? Leute, die dich nur ausnutzen, die dir Stress machen? Hab keine Hemmungen, in diese Überlegungen auch deine Familie mit einzubeziehen. Du kannst ewig die Brave, Kontrollierte, Erfolgreiche sein. Mamis Liebling. Papis kleine Prinzessin. Oder du wirst verdammt noch mal endlich glücklich und lebst dich aus, wie du bist. Ist dein Zuhause beschissen? Dann zieh um Gottes Willen aus und schaff dir ein besseres Zuhause.

    10. Niemals aufgeben, aufstehen, aufstehen, wieder aufstehen!
    Klar, du knickst am Anfang immer wieder ein. Das passiert jedem von uns. Mein erster Versuch dauerte keine Woche.
    Und wenn es passiert, stell die Schimpferei in deinem Kopf ab. Sag zu der Stimme in deinem Kopf: Weißte, so ne Scheiße kann ich jetzt nicht auch noch brauchen! Halt die Klappe!
    Sag es so lange, bis sie die Klappe hält. Dann steh auf, stell dich vor den Spiegel. Nein, halt, der Blick fällt nicht auf Pölsterchen, die entweder da sind oder deiner Einbildung entspringen. Sieh dir in die Augen. Soll das alles sein, was dein Leben für dich bereithält? Frag dich das. Immer wieder. Dieser Wahnsinnskreis mit fressen, sich schämen, verstecken, kotzen? Ein Leben zwischen Küche und Klo? Soll es das wirklich sein? Ja? Dann kannst du in die Küche gehen und den Rest auch noch vernichten.
    Aber wenn es in dir diesen Funken gibt, diesen kleinen Funken, der WILL, dass es besser wird, dann bleib noch einen Augenblick stehen und schau dir in die Augen. Du willst etwas. Was ist es? Normalität? Eine Normalität, in der du immer Angst haben musst, dass es wiederkommt? Was genau willst du erreichen und für wen? Willst du gesund sein, weil deine Freundin sich sorgen macht, weil Mama unglücklich ist? Oder willst du es für dich?
    Mach das bei jedem Rückfall. Nicht aufgeben. Du kriegst das hin!

    11. Kochen, Schmecken, Genießen mit allen Sinnen
    Klingt erst mal doof und es gibt diese Diätratgeber, die sagen, man solle während des Kochens nicht ständig probieren. Seh ich anders. Riech an den Gewürzen, steck die Zunge mal ins Salz, koste Olivenöl pur. Spül zwischendurch den Mund mit Wasser aus. Und nimm das Essen mal richtig war. Nicht: Tüte auf, rein in Topf und einen nicht unbedingt genießbaren schleimigen Brei zusammenkochen (ich weiß, was man da so für Scheiß zusammenrührt…), den man dann vor dem Fernseher reinschaufelt.
    Nimm dir Zeit dafür. Und, das ist mir ganz wichtig: Wenn du keinen Hunger mehr hast, wenn du fertig bist – LASS ES STEHEN. Auch hier: Scheiß auf die Konvention. Und wenn du ein schlechtes Gewissen wegen des Wegschmeißens hast: Schmeiß es lieber in den Mülleimer, als dass du über der Schüssel hängst. Weg ist weg.

    12. Aufgeben des Versteckspiels
    Das habe ich bewusst auf eine Zeit verlegt, in der ich schon stabil war. Es war mir sehr wichtig, nicht „dichtgelabert“ zu werden, weder von Angehörigen, die selber überfordert sind, noch von „Betroffenen“, die das Ganze kleinreden. Oder eingewiesen oder sonst was werden. Aber es war mir auch sehr, sehr wichtig, endlich (zumindest in meinem absoluten Vertrautheitskreis von ca 6 Leuten) das Versteckspiel aufzugeben. Ich wollte endlich drüber reden. Sie müssen nicht alles wissen, aber dass ich eine ES hatte und dass es mir damit nicht gut ging, das habe ich ihnen gesagt.

    So ihr Süßen, jetzt habt ihr mein Rezept. Und wenn auch nur eine von euch ein einziges Mal etwas hiervon ausprobiert und ihr Leben ein ganz klein bisschen besser wird, dann hat sich das Schreiben gelohnt! :D
  7. Michi

    Michi mybulimie.de Staff Member

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    Du bist einfach geil, mir hilfts, danke :) :) :) :) Egal wie lange, aber jetzt im Moment :)
  8. Flora

    Flora Neu im Forum

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    Es tut so gut zu hören, dass es Leute gibt die es geschafft haben 3 Jahre (z.B.) nicht zu spucken!
    Hab heut 2mal gespuckt :(. Aber eigentlich war der Tag voll schön.Bis ich am Ede gemerk habe,dass ich einfach zu wenig gegessen hatte und so der Heißhunger kam :/ nichso der Hammer für eine Bulimikerin.

    Trotzdem.Ich glaube es geht aufwärts :). Habe die Woche davor keinen FA gehabt und kann akzeptieren dass mein BMI zwischen 19 un 20 liegt. Will den auch halten.
    UND uch lebe. :) ich war schwimmen habe geweint weil ich mich mit einem alten Freund ausgesprochen habe,habe gelacht(weswegen auch immer),habe Geld verloren und mir die Hand verbrannt (und noch viele andere Dinge)
    Ganz ehrlich. Wenn ich im Urlaub mal nich soviel essen will weil ich mich nich wohl dabei fühle dann sag ichs !
    Ich habe gelernt zu reden und dadurch fällt es mir leichter. Hin und wieder hohlt es mich abends ein. Aber ich denke es wird besser sbald ich wieder mehr zutun habe.Und dass werde ich :).Band,Musical-Rolle und Ausbildung warten
    Ich habe mein Abi abgebrochen. Ich werde jetzt dass tun was ich kann und liebe.
    Schauspiel,Musik,Kunst,Tanz.
    Man kann also bei mir nicht zwischen Fiktion und Realität unterscheiden?
    Vielleicht weil ich gelernt habe eine Rolle zu spielen. Aber dieser Rolle will ich jetzt den Rücken kehren. Die Show ist vorbei.
    Ich will nur noch auf der Bühne schauspielern.
    Ich habe kein Selbstwertgefühl? HA! Ich bin vielleicht eine tollpatschige,chaotische und emotionale Person,aber ich habe trotzdem das Recht zu leben. Weil ich liebe.
    Ich liebe die Natur, Musik,Tanz Theater,Reiesen (blöd wenn mann chronisch pleite ist),meine Mitmenschen,meine Familie und meine Hass/Liebe das Essen und würde gleichzeitig blöderweise gerne so dünn sein wie die mich-traurig-machendentotalblöden Supermodels im Fernsehn.
    Aber so bin ich nicht.Ich bin - und das ist verdammtescheiße :) nicht schlimm- eine Madame Bmi 19?20....vllt auch bald 22 :D

    Ich weiß ist viel und an der falschen Stelle aber ich musste dass grad irgendwie loswerden!!
    HannyBee gefällt dies.
  9. HannyBee

    HannyBee War schon öfters hier

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    Soo,

    wir wollen heute mal das Thema „gesunde Ernährung“ genauer beleuchten.Wenn ihr diese Krankheit habt, habt ihr (vielleicht) die Erfahrung gemacht, dass ihr zuvor dick und dann plötzlich unglaublich schlank wart. Und eure Angst ist: „Fat strikes back!“ Ihr habt vielleicht den Eindruck, eure schlanke Gestalt wäre nur "gestohlen" nur "Betrug". Ihr stellt euch vor, ihr würdet durch das Vollkornbrot mit Käse quasi von Fettrollen überrollt, die dann eure wogenden Hüften bevölkern. Das ist Quatsch, das wisst ihr eigentlich.

    Wie aber geht man da jetzt heran?

    Klar, wir alle lesen und hören ständig von gesunder Ernährung, ob wir wollen, oder nicht. In den Medien tauchen ständig Meldungen auf, was jetzt wieder gesund oder ungesund sein soll und selbst per Mail erreicht uns eine Flut an Spam, wie man am besten dreißig Kilo in einer Woche abnimmt.
    Aber wie geht man daran? Muss gesunde Ernährung eklig sein? Muss man sich morgens Frischkornbrei reinziehen und abends eine Handvoll Rucola als Abendessen?

    Ich erzähl euch heut mal, wie ich da rangegangen bin. Ich bin kein Ernährungswissenschaftler, meine Thesen beruhen zwar teilweise auf Ernährungsbüchern, aber das hier ist nicht ärztlich fundiert! Daher gilt wie bei allem, was ich hier poste: Womit ihr was anfangen könnt, nehmt ihr mit und probiert aus, und was ihr nicht wollt, lasst ihr sein. Ich wiederhole mich auch ein bisschen, so dass ihr vielleicht das ein oder andere wiederfindet.

    Dieser Beitrag gliedert sich in zwei Teile:

    I. ist das How-to, wenn du noch mitten in der Krankheit steckst.

    II. ist die gesunde Ernährung, wenn du s schaffst, es ein paar Tage (oder mehr...?) zu lassen.

    I. Wenn du noch drinsteckst

    Zwar willst du daraus, aber du "kannst" es noch nicht ganz lassen. Selbst nach einer Woche „frei“, in der du dich „normal“ ernährt hast, kommt doch plötzlich der Rückschlag und du bist deprimiert.
    Ich weiß, wie das ist. Man will am liebsten alles hinschmeißen. Wenn man eh schon so "willensschwach" ist, ist es vielleicht das eigene Schicksal, sich mit diesem Scheiß bis zum Lebensende… dann kann man auch gleich... NEIN! Quatsch, natürlich nicht. Hier gilt: Aufrappeln, aufrappeln, aufrappeln. Es kann lange dauern (muss nicht!), es kann schwierig sein (muss nicht!), es kann sein, dass ihr nach ein paar Monaten oder gar einem Jahr einen Rückfall habt. Nicht entmutigen lassen. Ihr habt ja ein Ziel vor Augen. Daran glaubt ihr, das wollt ihr. Nicht „ja, das war schön“, NEIN, „ich WILL das und ich WERDE das!“.

    Was also ist zu tun?

    Folgendes, um wenigstens die Belastung für euren Körper zu minimieren:

    1. Kalium und Natrium
    Euch fehlt bei Bulimie insbesondere Kalium und Natrium, die beiden Salze, die beim Erbrechen verloren gehen. Die solltet ihr wenigstens über Nahrungsergänzungsmittel zuführen (hab ich in dem Beitrag oben schon mal vorgeschlagen).

    2. Insulinausschüttung
    Zur Dynamik von Fressattacken: Ich habe bei mir folgendes beobachtet. Wenn ich einen FA mit einer enormen Menge an Süßigkeiten hatte, hatte ich mehrere FAs am Tag. Das habe ich erst nicht verstanden, bis ich gelesen habe, dass der Körper allein wenn er Süßes schmeckt, Insulin ausschüttet. Je nachdem, wie viel Süßes ihr zu euch nehmt und wie lange es im Körper verbleibt, stellt der Körper viel Insulin zur Verfügung. Wenn ihr nun erbrechen geht, nehmt ihr ihm das weg, was er mit Hilfe des Insulins verarbeiten wollte. Der Körper kriegt den Eindruck, dass er verhungert und der nächste FA ist vorprogrammiert. Die Beobachtung konnte ich zumindest bei mir machen.
    Das kann im Übrigen auch die Ursache dafür sein, dass ihr „zickig“ oder „aggressiv“ seid: Immerhin sagt euer Körper euch, dass er grad verhungert, da ist man nun mal nicht geduldig!

    3. Der Masterplan
    Macht euch einen Plan. Nehmt euch für den Anfang zB einen Wechsel zwischen „freien“ Tagen und „kranken“ Tagen vor. Damit fangt ihr an. Und wenn ihr am Anfang sagt: Ok, nur der Sonntag bleibt jetzt frei. Kleine Schritte, die ihr schaffen könnt! Wenn ihr das Hauruck versucht, kann es sein, dass ihr umso enttäuschter seid (wie Michi *Michi tätschel* :*) und euch zu schnell entmutigen lasst. Ich werde nicht müde, es zu betonen: Jeder Tag, sogar jede einzelne Stunde ohne FA ist ein Erfolg! Wenn ihr kleine Schritte macht, ist es leichter, etwas als Erfolg zu sehen. Das soll euch nicht daran hindern, es Hauruck zu versuchen :) Wenn ihr den Wechsel pro Woche wollt, macht ihr das. Das kommt ganz darauf an, wie "enttäuschungsresistent" ihr seid. Ich persönlich bin der Hauruck-Typ, der alles sofort oder nichts will, aber ich habe auch keine große Enttäuschungsphase. Wenn ich etwas enttäuschend finde, bin ich zwei Tage todesdeprimiert und von der Welt enttäuscht, will Eremit werden oder auf dem Mond leben und dann steh ich wieder und versuchs nochmal. Also: Ihr kennt euch, schätzt euren Charakter ein und stellt den Plan drauf ein!

    4. Nahrungsmittelunverträglichkeiten: Meidet die Ursachen!
    Haltet euch von den Nahrungsmitteln fern, die eure Verdauung durcheinander bringen. Wenn ihr wisst, welche Nahrungsmittelunverträglichkeiten habt, lasst die Sachen stehen. Es wird der Tag kommen, an dem könnt ihr euch entspannt zurücklehnen, seufzen und sagen: „Mann, bin ich grad voll!“ Solange ihr das nicht könnt, lasst die Sachen weg (bei mir: Erdnüsse, Bananen, Haferflocken, Milch, Joghurt,…), denn sie treiben euch zum Klo, um das unerträgliche Völlegefühl wegzukriegen.

    5. Für die „gesunden“ Tage: Wenig, aber Gutes einkaufen!
    Für die Tage, an denen ihr „gesund“ esst (und an denen ihr bitte so tut, als wär die Krankheit schon ein Spuk der Vergangenheit), kauft ihr wenig und Gutes (!) ein. Logik: Das Geld, was ihr zB in den teuren Biokäse investiert, hättet ihr sonst in sechs Brötchen, zwei Tüten Chips etc investiert. Bevor ihr es so zum Fenster rausschmeißt, könnt ihr auch wenig Teures, aber Gesundes einkaufen. Wenn ihr bei Schokolade nicht aufhören könnt, wenn die Tafel einmal angebrochen ist, kauft einzeln verpackte Riegel. Ihr kennt euch ja am besten, dann wisst ihr, mit welchen Tricks ihr euch ein bisschen weiterhelfen könnt.

    6. Essenskultur
    Folgende Essregeln sind ab jetzt eure „Gebote“:
    • NICHT vor dem Fernseher essen! Ihr kriegt überhaupt nicht mit, was und wie viel ihr esst!
    • NICHT hastig alles runterschlingen, auch wenn ihr hungrig seid – langsam kauen, genießen!
    • Einen GUTEN UND SCHÖNEN PLATZ suchen – Tisch decken, ne Kerze hinstellen, ne Serviette hinlegen,…
    • NICHT während des Gehens essen (unterwegs ne Pizza/ nen Brötchen)!
    • NICHT weiteressen, wenn ihr satt seid!
    • Vielleicht, wenn ihr mögt: Mit anderen zusammen essen (falls ihr glaubt, einem FA zB nicht standhalten zu können, esst mit jemandem zusammen. Es gibt euch ein bisschen „äußere Kontrolle“.)
    7. Soziale Kontrolle und soziales Leben zurückerobern
    Falls euch das hilft (!), plant eure Freizeit, um die ersten FAs abzufangen, die anfangs drohen können. Wenn ihr zB von der Schule nach Hause kommt und nur ne halbe Stunde habt, bis ihr zum Stadtbummel verabredet seid, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihr einen FA erleidet, geringer. Sucht euch Freizeitbeschäftigungen, verbringt Zeit mit Hobbys, am besten mit anderen und EROBERT EUCH SO AUCH EUER SOZIALLEBEN ZURÜCK!! Das ist euer Auftrag für die nächste Zeit! Tun wir mal so, als wärt ihr völlig gesund. Was würdet ihr gerne tun? Diese Krankheit hat euch vielleicht verdammt einsam gemacht. Man zieht sich zurück, um die Krankheit verstecken zu können, man lässt nicht viele Menschen an sich heran und findet immer eine Ausrede. Nee, Kaffee trinken geht heut nicht, nein, ins Kino geh ich nicht,...
    Fangt bitte wieder an zu leben. Wenn ihr nicht grade Sozialphobiker seid, tretet in Kontakt mit Menschen, sucht euch Hobbys, spielt Geige, Flöte, macht einen Tanzkurs, Karate, einen Zeichenkurs,...

    8. Kosten klarmachen
    Falls euch das hilft: macht eine Finanzübersicht. Macht euch klar, wie viel Geld dabei den Bach runtergeht, wenn ihr Essen auf diese Art vernichtet. Ich meine das nicht, um Schuldgefühle zu wecken. Ich meine: Ihr könntet euer Geld viel besser in viel tollere Dinge investieren :D

    II. Die „freien“ Tage (Wochen, Monate,...)

    Vorab-Infos: Wenn ihr euch länger mit der Krankheit rumgeschlagen habt, ist es wahrscheinlich dazu gekommen, dass ihr weniger Kalorien zu euch nehmt, als ihr braucht. Es kann daher zu dem (gefürchteten) Jojo-Effekt in den ersten Tagen und Wochen kommen. Bitte kompensiert das nicht an den „kranken“ Tagen, damit macht ihr eure Anstrengungen zunichte. Denkt daran: Der Schritt rückwärts ist immer da. Aber jetzt wollt ihr nach vorne! Und darauf arbeiten wir jetzt hin.

    Euer Körper könnte ein paar Sachen erstmal horten, je nachdem, wie wenig Kalorien ihr davor behalten habt. WICHTIG: Er wird aber nicht über alle Maßen verfetten! Ich weiß, das war meine größte Angst, Ring um Ring zuzulegen, bis ich aussehe wie das Michelin-Männchen. Aber der Körper wird eine bestimmte Grenze nicht überschreiten, wenn ihr ihm eine normale Anzahl an Kalorien zuführt! Mein Gewicht hat sich irgendwann auch rund um das „Idealgewicht“ eingependelt. Die Angst vor dem Fett ist Quatsch (sofern wir hier von einer „normalen“ Selbstsicht reden).

    Es kann sein, dass eure Verdauung völlig brachliegt (ich weiß, blödes Thema, aber ihr müsst ja nur lesen und nicht antworten xD). Mir haben da pflanzliche Ballaststoffe geholfen (zB in Direktsaft eingerührt), das erst mal wieder in die Gänge zu bringen.

    Ein wichtiger Hinweis: Falls ihr die Pille nehmt, könnte es sein, dass sie verhindert, dass ihr euer normales Gewicht erreichen bzw. halten könnt.

    Falls ihr Sport macht, beachtet bitte, dass ihr davon auch "zunehmt" - und zwar kräftige Masse :) Löst euch von dem Gedanken, dass ihr bei 1,70 m für immer nur 50 Kg wiegen dürft. Diese Zahlenraserei ist totaler Bullshit. Wenn ihr zB Krafttraining macht, nehmt ihr automatisch zu.

    1. Was euer Körper braucht
    Zunächst: Findet heraus, wie viel euer Körper bei eurer derzeitigen Größe, eurem Gewicht und eurem Grad der Aktivität an Kalorien MINDESTENS braucht und unterschreitet diese Grenze nicht! Wie gesagt: Jojo-Effekt! Euer Körper wird es euch danken. Ich hatte echt krasse Schwindelattacken und Schwächeanfälle in meiner kranken Zeit und hab mich idiotischerweise auch noch drüber geärgert :D Und dann hab ich mir gedacht: Ich schütte ja auch nicht einen halben Liter Benzin in den Tank eines Autos und schreie dann herum wenn er nach ein paar Kilometern anfängt zu stottern und liegenbleibt... ^^

    2. Was für Brennwerte Nahrungsmittel haben
    Dazu ist es aber wichtig, sich mal klar zu machen, wie viel Brennwert Nahrungsmittel so haben.
    Vorab: Das hier soll kein Aufruf dazu sein, ab jetzt und für immer sklavisch Kalorienzählerei zu betreiben! Aber es ist wichtig, eine Zeit lang festzustellen, was ihr so den ganzen Tag zu euch nehmt, insbesondere, wenn ihr schon länger Bulimie habt. Ihr seid dann so daran gewöhnt, alles in euch reinstopfen zu können – es wirkt sich ja nicht aus. Daher: Wenn ihr das ein paar Tage lang macht und wisst, so ernährt ihr euch immer, reichen die Daten schon aus.
    Ihr könnt die Kalorienzahlen auf den Sachen selber sofort ablesen oder zB im Internet googlen. Dabei kommen dann interessante Sachen bei raus: zB hat eine Scheibe Käse genau soviel Kalorien wie ein Schokoriegel…

    Und, was ganz wichtig ist: Viele glauben, wenn man sich „gesund“ ernährt, kann man essen, was man will. Ich hab schon ein paar Mal die Frage gestellt bekommen: Ich ernähr mich doch gesund, warum bin ich dick?!
    Auch und gerade bei „gesunden“ Sachen gibt es Fallstricke. Wenn ihr zB anstelle einer Tafel Schokolade eine Tüte geröstete und gesalzene Erdnüsse esst, habt ihr bei 200 g 1244 Kalorien verputzt!!! Das dürfte so ziemlich euren Grundbedarf decken!

    Und: Es gibt zahlreiche versteckte Fehlerquellen, die dazu führen, dass man mehr isst, als man braucht und dementsprechend dann vom fleißigen Körperchen eingesackt wird für harte Zeiten (die er bei euch ja schon kennt).

    Getränke zB. Gießt du morgens Sahne in deinen Kaffee? Oder Kondensmilch? Trinkst du Latte Macchiato? Trinkst du in der Schule gesüßte Softdrinks oder Säfte? Oder trinkst du gar nur Zero-Zeug, weil da keine Kalorien drin sind? (Ja, aber die Süßstoffe können zu Heißhunger führen, weil du dem Körper vorgaukelst, dass er was Süßes kriegt und er dann die Bauchspeicheldrüse anschmeißt… dann kommt nix und er kriegt Hunger! Siehe oben)
    Ich will nicht dazu aufrufen, keinen Saft mehr zu trinken, aber wenn ihr es tut, seid euch dessen bewusst, was das für einen Gehalt hat. Genauso wie Milch.
    Wenn ihr euch das einmal anschaut und euch anschaut, was ihr so zu euch nehmt, dürften jetzt schon einige Glocken klingeln.
    Nur weil etwas gesund ist, heißt das nicht, dass man davon tonnenweise essen kann.

    Wenn ihr eure Ernährung auf Obst, Gemüse, Brot, Fisch etc umstellt und nur ein bisschen auf die Fette achtet, dann wird euer Körper nicht verfetten. Achtet dabei aber darauf, was bei euch persönlich gut ist! Ich kann zB abends keinen Salat essen, da krieg ich Verdauungsprobleme. Gurken vertrag ich eher nicht. Tomaten könnte ich tonnenweise essen. Mittags ist Salat super. Vollkornbrot vertrage ich weniger, aber wir wollen ja auch nicht spontan Frischkornbrei-Vertreter werden. Wenn ihr zB ein bisschen Dinkel (Nudeln, Brot,...) einschleichen lasst in euren Speiseplan oder euch mal unter Linsen, Erbsen, Bohnen, Quinoa umschaut, habt ihr eine gute gesunde Bandbreite. Das hier soll auch keine Gesundheitshysterie werden. Ich persönlich steh auf Schokolade und ich geb die nicht her :D was nicht heißt, dass ich mir täglich eine Tafel reinpfeifen muss. Manchmal hab ich einen Monat, da könnt ich drei Äpfel täglich essen, dann kann ich sie wieder zwei Monate nicht sehen.
    Geht da entspannt ran und achtet darauf, worauf ihr Lust habt. Sofern ihr nicht immer Lust auf Burger habt, könnt ihr das ruhig mit einfließen lassen.

    3. Ein guter Ernährungsplan
    Jetzt wisst ihr, wie viel ihr braucht, wie viel ihr zu euch nehmt und könnt einen Plan machen. Kauft am besten, wenn es irgendwie geht, täglich frisch ein: So setzt ihr euch mit den Nahrungsmitteln auseinander, kauft nur, was ihr zum "gesunden Essen" braucht und habt nicht so viel zu Hause, dass ein FA droht.

    Und bitte: Kommt mir nicht mit: Das ist aber so anstrengend und man muss sich ja daran halten und und und… Leute, ihr habt die Disziplin, nach jedem Essen zu kotzen bzw. erst tagelang gar nichts zu essen. Da wollt ihr mir erzählen, eine Ernährungsumstellung könnt ihr nicht machen?! Lol… ^^

    3. Sport

    Jede Form der Bewegung ist gut - nur bitte keine Übertreibungen! Kein Marathon nach dem Erbrechen, um es mal ganz platt zu sagen! Fangt auch hier Schritt für Schritt an: Jeden Abend zB ein 15-minütiges Mini-Programm: 10 Liegestütze, 10 Kniebeugen, ... je nachdem, was ihr mögt. Hier ist auch nur Durchhaltevermögen gefragt, keine akrobatischen Höchstleistungen. Erst mal ganz langsam wieder in Gang kommen. :)

    Fazit

    Das könnte euer Gerüst sein, an dem ihr euch anfangs langhangeln könnt. Formt es um, kritisiert es, denkt euch was aus, sagt allen anderen hier, was ihr davon haltet,…

    Es muss kein Gerüst für immer sein. Eines Tages werdet ihr morgens zum Bäcker traben und euch ein Käsebrötchen holen, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden.

    Es gibt ein „normales“ Leben nach der Krankheit, das kann ich euch versichern. Was nicht bedeutet, dass ihr nicht mehr zunehmt oder nie wieder an euer Gewicht denkt. Aber es ist ein wesentlicher Unterschied, panisch auf ein Kilo mehr zu reagieren oder ein bisschen mehr Sport einzuplanen, weil die Weihnachtszeit nicht spurlos vorübergegangen ist. Der wesentliche Unterschied ist der entspannte Umgang mit sich selbst und seinem Körper, der nicht mehr der Feind ist, sondern euer „Motor“, den ihr mit Kraftstoff füttert. Es wird der Moment kommen, an dem Essen nichts mehr als bloß Essen ist und euer Leben nicht mehr völlig beherrscht.

    Ruhig Blut, ihr schafft das. Ihr braucht nur etwas Geduld und den Willen dazu. Natürlich solltet ihr die tiefer liegenden Ursachen auch angehen (siehe vorherigen Post), sonst wird das nichts anderes als der Versuch, etwas unter Kontrolle zu halten, was euch dann gefühlsmäßig trotzdem weiter bedroht.

    Aber jetzt seid erst mal ihr dran.

    :*
    Michi gefällt dies.
  10. HannyBee

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    Auch auf die Gefahr hin, dass ich hier zum Alleinunterhalter werde... mir ist da noch was eingefallen :D


    Ich hab euch ja gestern einiges erzählt, wie euer Weg aus der Krankheit aussehen kann, wie mein Weg da heraus ausgesehen hat. Das war schon ziemlich konkret, aber was ich euch bislang noch nicht erzählt habe und was für euch sehr, sehr wichtig ist, ist mein Zeitrahmen, in dem ich das gemacht habe.

    Natürlich gab es auch bei mir Rückschläge. Ich habe insgesamt zwei Jahre gebraucht, bis es endgültig weg war. Ja, zwei Jahre. Ich habe es zwar mit 16/ 17 ein Jahr lang geschafft, in dem ich „nur“ ein paar Mal im Monat erbrach, aber es war immer nur ein „Durchhalten“ und „sich selber weiter unter Kontrolle halten“. Es war nie gelöst.

    Aber von vorne: Meine Geschichte geht so: Mit 13 war ich ein enorm dickes Kind. Ich scheue mich so ein bisschen, hier Zahlen zu nennen, weil ich niemanden „anstiften“, mit niedrigeren Zahlen verletzen oder mit hohen Zahlen abschrecken will, aber ich werds trotzdem tun. Ihr habt das in der Hand, was ihr daraus macht.

    Das höchste, was ich damals wog, waren 74 Kilo verteilt auf ca 1,55 m. Ich war dick und ich war unglücklich (dazu hab ich ja hier schon eine Geschichte erzählt) und wusste einfach nicht, was ich machen sollte. Zwar dachte ich, ich wollte schlank sein oder wenigstens weniger dick – aber ich futterte aus Frust, aus Angst, um mich gut zu fühlen,… aus tausend Gründen heraus, die mir nicht klar waren.

    Mit 15 habe ich dann diese Krankheit bekommen.
    Ich weiß noch genau, wann, wo und womit es angefangen hat. Vielleicht kennt ihr diese dänischen Küchlein mit der Milchmasse drin, mit Schokolade überzogen. Eines Abends hatte ich eine Packung davon gegessen und wollte es wieder loswerden.

    Ich möchte betonen, dass wir „damals“ kein Internet zu Hause hatten und ich nichts von Magermodels hielt. Klar, das ist irgendwo in meinem Unterbewusstsein bestimmt gewesen, dass man nur schlank gesund und beliebt ist, aber es stand nicht im Vordergrund. Im Vordergrund stand, dass ich mein Gewicht als mein einziges Problem ausmachte. Es war das einzige, mit dem ich in meinem Leben scheinbar unzufrieden war. Viel später wurde mir klar, dass das nichts als eine Verschiebung war: Ich hatte so viele Probleme, dass ich gar nicht wusste, was ich machen sollte. Also nahm ich das einzige, von dem ich glaubte, es beherrschen zu können: Mich und mein Gewicht.

    Es wurde zu einer sehr merkwürdigen Phase in meinem Leben: Je mehr ich abnahm, desto stärker wurde ich in der Schule angefeindet. Und meine Probleme nahmen nicht ab, so wie ich. Ganz im Gegenteil. Sie potenzierten sich. Ich war nicht nur gefrustet und verletzt, sondern auch noch dauernd geschwächt und reizbar.

    Irgendwann nach ca einem Jahr wurde mir klar, was ich da mache und ich wollte damit aufhören. Ich beschloss es also und wollte die Sache in den Griff kriegen, indem ich mich einfach noch mehr kontrollierte. Einfach mehr Willensstärke und das (auch noch) unterdrücken. Ich schaffte es ein Jahr lang mit den Unterbrechungen, hin und wieder mal. Ich machte mir vor, das wäre ja schon nicht mehr krank. Aber ich löste nicht, was dem zugrunde lag. Ich stellte mich weder meiner familiären Situation, noch meiner persönlichen Angreifbarkeit und Dünnhäutigkeit, noch den Streitereien in der Schule,… es blieb alles wie davor, nur dass ich noch mehr an mir rumschraubte, mich noch mehr kontrollierte.

    Stellt euch das vor wie ein Haufen Luftballons, die ihr alle im Pool unter Wasser drückt. Ihr habt sie einfach aufgetürmt, immer mehr, immer weiter gedrückt und alles drauf gepresst, was ging. Aber irgendwann pressen sie allein aufgrund ihrer Übermacht zurück und irgendwann ist der Pool auch mal voll.

    Was passierte, ahnt ihr schon: Es ging gehörig schief. Nach dem Schulwechsel zum Abi eskalierte das dann noch weiter und ich nahm bis auf ca 50 kg ab. „Nur“ 50 kg, weil ich schon immer diesen unbändigen Willen zum Leben hatte. In den „kotzfreien“ Zeiten päppelte ich mich mit genau der gleichen hingebungsvollen Geduld auf, die ich sonst aufwand, um mich zu zerstören. Es war paradox. War ich den einen Tag mein größter Feind, war ich am nächsten Tag der „Doktor“.

    Es passierte eine Menge an persönlichen Mist, immer mehr und mehr, aber ich schlug mich gleichzeitig noch mit meiner Krankheit rum und sie war in dieser Zeit meine einzige Krücke: Wäre ich nicht so schwach gewesen damals, wäre mir zu Bewusstsein gekommen, was in der Zeit um mich herum los war, wäre ich wahrscheinlich durchgedreht. Ich machte mir also weiter vor, mein einziges Problem sei mein Gewicht – und jetzt auch diese Krankheit – und so hatte ich immer was zu tun. Ich hatte immer das Problem, um das manisch meine Gedanken kreisen konnten. Nichts anderes spielte eine Rolle. Zugleich wollte ich wohl unterbewusst meine Eltern zwingen, sich endlich um mich zu kümmern (ist mein Erklärungsansatz). Ich wollte, dass mir endlich einer die Last und Verantwortung abnimmt.

    Das ging dann weiter und zog sich auch durch den Anfang des Studiums und irgendwann fiel mir auf, dass ich diese Krankheit seit sieben Jahren hatte. Sieben Jahre meines Lebens habe ich in diesem Wahn verbracht. Es war zum Selbstläufer geworden: Es ging nicht ums Abnehmen, es ging um die Erleichterung durchs Kotzen. Alle unliebsamen Gefühle, alle Ängste, alle Wut, alle unendliche Trauer, die ich davor dadurch kompensiert hatte, dass ich fraß, kompensierte ich nun durchs Kotzen.

    Mir wurde klar, dass das bis ans Lebensende so weitergehen könnte. Ich könnte das die nächsten vierzig, fünfzig, sechzig Jahre machen, denn ein Teil von mir päppelte ja fleißig weiter und gab nicht auf. Und ich hab mir damals geschworen, dass ich da rauskomme, wirklich dieses Mal. Nicht wieder dieser halbherzige Versuch, nicht wieder unterdrücken, sondern die Konfrontation mit meinem Leben und dem, was mir bislang passiert war.Was dabei eine überragend wichtige Rolle spielte: Ich war zum Studium zu Hause ausgezogen und damit dem "Problemdunstkreis" entzogen. Ich bin mir sicher, dass ich erst durch diese Distanz sehen konnte, was mein Umfeld damals mit mir gemacht hat. Zuvor hatte ich ein Jahr lang schon auf gepackten Kisten gelebt, weil ich nur weg wollte, raus wollte, verzweifelt war.

    Ich habe mir damals einen Zeitrahmen gesetzt: Ich hatte die Krankheit sieben Jahre, also erschien es mir als realistisches Ziel, sie in sieben Jahren los zu sein.

    Heute habe ich die Krankheit nicht mehr. Das klingt so schön, werden einige jetzt sagen, so einfach eine Entscheidung treffen und hoppla, einfach drei Jahre später ist man „frei“.

    Täuscht euch da nicht. Das waren sehr krasse Jahre voller Selbsterfahrung, Selbstenttäuschung und – befreiung aus der Selbsttäuschung, voller unbeschreiblicher Wut auf all die, die von dieser Krankheit gewusst hatten und mir nicht geholfen hatten. Es war eine intensive Reise durch meine Kindheit, von der ich glaubte, dass sie ganz normal gewesen sei, durch meine (seltenen, aber wenn, dann richtig…) Alkoholexzesse, immer auf der Spur des „warum“ und des „was passiert hier eigentlich“. Durch diese Auseinandersetzung, durch dieses Aufbrechen alter Wunden, dadurch, dass ich mich dem gestellt habe, was ich fühlte, habe ich das durchbrechen können.Ich habe mein alten Tagebücher gelesen und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, was ich alles aufgeschrieben und komplett vergessen hatte! Ich hatte die gleichen Erkenntnisse immer wieder und wieder gehabt und sie wieder vollkommen vergessen.

    Macht euch nichts vor: Das ist keine Krankheit, die einfach so kommt. Es ist nicht nur ein bescheuertes Schlankheitsideal, das aus den Medien fließt. Das ist etwas mit Tiefenwirkung. Das Kotzen ist die Spitze des Eisbergs, nur das Symptom.

    Ihr seid mir keine Rechenschaft schuldig, aber euch: Überlegt euch folgende Fragen: Seid ihr immer die Nette, die Brave, die Tüchtige? Welches Bild gebt ihr nach außen ab? Wärt ihr gern perfekt, unangreifbar? Lächelt ihr, wenn ihr traurig seid? Weint ihr noch, wenn ihr traurig seid? Viel grundlegender: Merkt ihr noch, wenn ihr traurig seid oder esst ihr dann einfach einen Keks, oder zwei, oder drei…? Was bewegt euch, was rührt euch auf, wen hasst ihr? Was bedeutet das Essen für euch? Ist es eine Erinnerung an früher, an bessere Zeiten? Esst ihr immer, was eure Mama euch damals gekauft hat? Wem müsstet ihr sagen, was euch nicht passt? Mögt ihr eure Eltern? Mögt ihr eure Stiefeltern? Werdet ihr im Stich gelassen? Oder werdet ihr bevormundet, kommen immer tausend Leute an und erzählen, wie falsch ihr grad wieder seid?Lebt ihr das Leben, das ihr leben wollt, seid ihr glücklich? Habt ihr noch Ziele, habt ihr noch Wünsche?
    Im Kern: Was macht euch „krank“?

    Ich habe mit meiner Familie völlig gebrochen – und wir haben uns wieder gefunden. Ich habe mich selbst vernichtet – und am Grunde dieses Pools voller Luftballons ein Ich gefunden, was dem Image, was ich für mich hielt, völlig widersprach.

    Und ich habs schon mal gesagt: Das ist keine Phase, das ist echt. Es wurde mit dem schlimmsten Jahr meines Lebens bereits auf die Probe gestellt, aber diese „Lösung“ ist für mich einfach keine Option mehr. Jetzt ist es das vierte Jahr nachdem ich (wieder) vollständig angefangen habe, normal zu leben. Ich hatte in dieser Zeit keinen einzigen Anfall, keinen Rückfall, keinen Gedanken, dass ich das wieder machen könnte. Klar hab ich daran gedacht und war immer ein bisschen fassungslos, was ich damals mit mir angestellt habe. Aber den Weg zurück gab es für mich nie.

    Vielleicht hilft euch dieser Bericht ein bisschen und bringt euch näher, wie ich das gemacht hab. Es ist kein Zauberrezept, ich bin kein Zauberer und ich bin mit Sicherheit auch kein besserer Mensch als ihr, nur weil ich an einem Punkt stehe, der hinter eurer Zielgeraden liegt (wo ich übrigens auf euch warte ;) ). Der Zauber ist tatsächlich die ganz banale Auseinandersetzung mit euch selbst und euren echten Problemen. Dann ist diese Esskrankheit nämlich keines mehr, dass ihr als „Ersatzproblem“ auf den Hüften und im Kopf tragt.
  11. Hummel

    Hummel Neu im Forum

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    ich habe persönlich noch eine frage die mich sehr beschäfigt du warst ja schon ein bisschen älter als ich jetzt ( 14) als du raus kommen wolltest hattest du von deinen eltern die unterstützung oder wusten sie nichts von deiner essstörung ?
    und wie ist du jetzt ? 3 malzeiten eher kalorienarm ?
    bist du jetzt immer nich "dick"so wie du dich beschreiben hast ? ich meine du bist ja von 74 kg auf 50 ks gekommen und wie sah es mit deinem gewicht aus als du wieder normal gegessen hast ? und was ist du eher kalorien arme sachen / wie ist es auf feiern wo du eingeladen bist ( ein festmahl vor dir steht ??)
    hattest du äußere oder innere schäden von der krankheit die du ja lange durchmachen mustest?
    Sorry ich weiß so viele fragen auf einmal aber ich fühle mich hir iwie wohl und schätze sehr eure antworten aber auch hilfreiche beiträge
  12. HannyBee

    HannyBee War schon öfters hier

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    Mein Vater wohnte nicht mehr bei uns zu Hause, meine Mutter wusste es. Aber sie hat mich nicht unterstützt.

    Heute esse ich, wie ich Hunger habe. Das mit den "drei Mahlzeiten" ist zu starr - was ist eine "Mahlzeit"? Das klingt so gewaltig :D Meine erste Mahlzeit heute war ein Apfel. Meine zweite ein Kinderriegel. Und die dritte eine Schmerztablette xD
    Wenn ich weniger Hunger hab, ess ich weniger. "Kalorienarm" ist nicht der richtige Ausdruck. Ich achte drauf, was ich esse und schau drauf, dass es nicht den ganzen Tag Schokolade, Eis, Pizza ist. Aber ich zähl nicht kontinuierlich Kalorien.
    Das Märchen mit dem "kalorienarm" ist doch folgendes Problem: Es kommt auf die Masse an! Machen wirs ganz einfach und nehmen eine Tafel Schokolade mit ca. 500 Kalorien. Wenn du das in Karotten "umrechnest", könntest du 2 KILO Karotten essen (ja, das hab ich jetzt mal nachgeguckt :))! Und bei Karotten würdest du ja eigentlich sagen, sie seien kalorienarm. (Toll, jetzt krieg ich Hunger auf Karotten :D)

    Ich ess kein Fleisch (aber Fisch), ich steh auf Gemüse, ich trinke viel Wasser und Tee und ich esse keine Fertigsachen, die man sich selbst zusammenrühren muss. Statt Fertigspaghetti mit Fertigsoße schnibbel ich halt ne Tomate zu den Spaghetti.
    Was nicht heißt, dass ich das sklavisch und kategorisch ablehne. Wenn ich im Restaurant esse, ess ich, worauf ich Lust hab, egal ob da Fertigzeug drin ist oder nicht.

    Mein einziges echtes Gewichtsproblem, das ich habe, sind eigentlich meine Schultern und Arme :D Ich pass bei zB H&M in die Klamotten rein - darf dann aber die Arme nicht mehr heben, geschweige denn Muskulatur anspannen xD Dabei bin ich gar kein Hulk oder so...

    Wenns Festmahl gibt, ess ich mit, wenn ich Hunger drauf habe.

    Spätschäden. Hm, das kann ich nicht sagen. Ich weiß nicht, was von dem, was ich habe (n werde), auf diese Krankheit zurückzuführen ist oder umgekehrt: Ob die Krankheit darauf zurückzuführen ist. Und: Nur weil etwas parallel auftritt, muss es nichts miteinander zu tun haben. Als Nicht-Mediziner kann ich also nicht sagen, was Ursache und was Wirkung ist und ob da Zusammenhänge bestehen. Heute zB hab ich Kopfschmerzen -.-'
  13. marilyn289

    marilyn289 Neu im Forum

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    Hey Hanni Bee finde ich richtig cool wie du das hier so schreibst ehrlich;)
    Ich weiss man aknn es rausschaffen(ich habe es auch schonmal geschafft)
    Hammer das du es schaffst(Ohne fa und brechen)Pizza zu essen Respekt

    Ich muss sagen am fr udn sa habe ich einen salat mit schafskäse und joghrutdressing gegessen(Manche die selbst mit sowas zu kämpfen haben,da ich ja eigentlcih immer mein strikten essensplan habe)
    War und bin ich ach stolz drauf....muss ich sagen :)MEine geschmacksknospen haben sich gefreut
    Mal kein Müsli mit joghurt mittags!!Fürn ersten schritt nicht schlecht finde ich;)
    Aber ich kann imme rnoch nichts abends essen!!Das nervt mich ziemlich naja,,,schritt für schritt rantasten!!

    Und da ich auch bald in der Klinik auch um Unterstützung bat Thema Bulimie("normal essen ohne zu erbrechen)
    Ich muss sagen iche sse das müsli schon seit nen halben jahr mittags
    Es gibt mir die sicherheit dass es imme rdie gleiche Portion ist und ich kein fa bekomme Bzw ich wiess bei diesen müsli übergib ich mich nicht!!!
    Naja...dann spätestens nach einer woche krieg ich dann son hnugeranfall dass es meistens im Fa sich äussert und ich es danach wider loswerden muss,,..
    Bin aber sehr sehr am kämpfen mit mir dass iche s nicht tue(wenn fahr ich dafür imme rzu meinenn freund wenn der Arbeitenist)
    Ich muss auch gestehen da ich immer eigentlcih ehrlcih bin udn es auch sage danach das ich wieder ein fa hatte kommt druck in mir auf(einerseits guter druck andererseits harter)
    Ob ichs machen soll oder nicht,klar ich will es aufkeinen fall machen aber dieser heisshunger...!!!sonst habe ich die letzten sonntage geplant wann ich zu mein freund fahre aber diesemal ist es so will ich mich echt zusammenreissen udn es nicht tun wollen!!!Nein ich möchte das nicht!!!!
    Lg
  14. Hexenfeuer

    Hexenfeuer Neu im Forum

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    Ich glaube ich kann es nicht.

    Ich habe 2 jahre bulimiefrei geschafft und fühlte mich sehr schlecht damit. Ich kann mir einfach nicht vorstellen irgentwann mein körper so zu akzeptieren wie er ist.
  15. Reese

    Reese War schon öfters hier

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    ich glaube das kann sich keiner vorstellen....man sieht sich selbst sowieso anders als andere es tun, und das ist eines der vielen Probleme
  16. HannyBee

    HannyBee War schon öfters hier

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    Hallo ihr Lieben!

    Ich weiß, wie sich das anfühlt, Hexenfeuer. Ich habe zwischendurch auch ein Jahr bulimiefrei gelebt und habe mir vorgemacht, das wäre nun "geheilt". Nur hatte ich mich mit NIX auseinandergesetzt. Die Probleme, die zu dieser Krankheit geführt hatten, mein Hass, meine berechtigte Wut und meine Trauer, die waren immer noch da, wurden immer noch von mir unterdrückt und ich fraß alles weiter in mich hinein.
    Als ich dann mit der Bulimie wieder anfing, hatte ich dieses Gefühl, nach Hause zu kommen, zu einem alten Freund in die Arme zurückzukehren, endlich wieder Erleichterung zu spüren - im wahrsten Sinne des Wortes. Das sind Gefühle und Gedanken, die mir nicht fremd sind - die aus der zeitlichen Perspektive, dem Blick rückwärts aber einfach nur zeigen, wie einsam ich war, wie einsam mich diese Krankheit und meine damalige Situation gemacht hatten. Mein Kampf um Anerkennung, um Liebe, um Beachtung. Ich kämpfte an allen Fronten und das mit immer den gleichen Methoden: Kontrolle, noch mehr Kontrolle, noch mehr Kontrolle. Sich auf niemanden verlassen, lächeln, wenn man weinen könnte, alles bei sich behalten.
    Es geht nicht (nur) um deinen Körper, Hexenfeuer. Ich akzeptiere auch nicht alles an mir, um Gottes Willen :D Es ist kein stumpfes Annehmen von etwas Unabänderlichem. Natürlich ist dein Körper im Wandel, wird er immer sein. Du hast die Kraft, ihn zu gestalten und das ist gut so. Nur: Um ihn überhaupt zu gestalten, musst du mal hinsehen, was du da hast. Ich zB hab einfach weibliche Hüften. Die habe ich bei 50 und bei 60 Kilo. Was will ich also damit anfangen?
    Es ist sinnlos, gegen diese Knochen anzukämpfen. Aber ob ich zB eher sportlich aussehe, ob ich eher ein paar Bauchmuskeln zulegen möchte, das sind die anderen Fragen. Ich zB "akzeptiere" meine Arme nicht. Warum? Weil ich gerne mehr Armmuskeln haben möchte. Also trainiere ich.

    Ich hoffe, du verstehst, was ich sagen will :D Akzeptanz ist keine Statik. Es gibt Dinge, mit denen werde ich mich uU nie anfreunden. Und andere, die mag ich und andere finden sie hässlich. Muttermale zB. Ich liebe mein Muttermal :D
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  17. Hexenfeuer

    Hexenfeuer Neu im Forum

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    Danke hannybee das hast du wirklich schön geschrieben:)
  18. HannyBee

    HannyBee War schon öfters hier

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    ^^ Ich hab die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen ihre Probleme auf den Körper verlagern. Ist auch "einfach", denn so kann man sich vormachen, dass das scheinbar einzige Problem gelöst wäre, wenn man nur dünner wäre zB. Ich hab erlebt, dass ich immer mehr Probleme kriegte, je dünner ich wurde. Die Anfeindungen hörten nicht auf, wurden im Gegenteil noch schlimmer, die anderen Sachen waren auch noch immer da,...

    Ich bin ohnehin kein Fan von "liebe und akzeptiere dich selbst" - das klingt so absolut, dass man dieses Ziel nie erreichen können wird. Und ich habs ja oben schon gesagt: Wenn ich dann etwas verändern will - akzeptiere ich dann den "Ist-Zustand" nicht mehr?
    Man muss sehr sensibel mit dem Wort Akzeptanz umgehen und viele tun das nicht. Das ist das gleiche Spiel bei "Du musst erst dich selbst lieben, ehe du andere lieben kannst" - ist das nicht Unsinn? Denn wie sollst du denn dann lernen, wie man liebt? :) Du musst vielmehr lernen, dich auch lieben lassen zu können, wenn du dich selbst nicht liebst. Annehmen, dass andere eine andere Wahrheit haben, dass sie zB deine Sommersprossen süß finden, die du so hasst. Das kann einen aus der fatalen Selbsthassecke holen, wenn man merkt: Da ist einer, den stört das gar nicht. Ich halte das alles für bescheuert und er merkts teilweise nicht mal...^^
  19. Hexenfeuer

    Hexenfeuer Neu im Forum

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    Entschuldige aber irgentwie blockt mein verstand ab wenn ich versuche drüber nachzudenken warum ich so bin wie ich bin. Und ich habe keine furchtbaren erlebnisse wie vergewaltigung oder ähliches erlebt. Ich kann es mir einfach nicht erklären. klar gab es reibereien , streitereien mal unschöne momente aber hat die nicht jeder mensch? Kann es sein das manch ein mensch einfach schon ein bisschen merkwürdig geboren wird?
  20. HannyBee

    HannyBee War schon öfters hier

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    Liebe Hexe,
    Gegenfrage: Welches Erlebnis ist denn "angemessen", um eine Essstörung auszulösen? Es gibt keinen Katalog, in dem man nachschlagen kann, ob man eine Essstörung "haben darf". Irgendwas in dir ist es. Wenn du immer nur nach den großen Brocken suchst und die nicht findest, sprichst du dir auch noch selbst das Recht ab, zu leiden. Irgendwas in dir leidet aber. So ist das, ob dein Verstand es wahrhaben will oder nicht.

    Du hast erzählt, deine Brüder wären auch in Süchte hineingeraten. So etwas passiert bei dysfunktionalen Familiensystemen. Wenn man aus bestimmten Sachen immer ein Geheimnis machen musste, wenn es ständig "das tut man nicht, das sagt man nicht" gab, werden Menschen, insbesondere Kinder in so einem System krank. Ich habe mir das Buch "Familienkrankheit Alkoholismus" besorgt und mir sind fast die Augen rausgefallen, weil dieses Buch von mir stammen könnte.
    Es gab bei uns viele unausgesprochene Regeln. Vielleicht fragst du dich, wie ein Kind solche Regeln lernt und aufnimmt. Ich nehme mal ein Beispiel: Wenn ein Kind merkt, dass die Mutter nicht isst, wenn sie Stress hat, lernt es: Stress ist für Mama lebensgefährlich. Dass man an Nichtessen sterben kann, wissen Kinder. Es ist von der Mutter aber existenziell abhängig. Es lernt also, Stress für die Mutter zu vermeiden. Konkret: Es wird ein angepasstes Kind, das seine Wut, seine Trauer etc. nie zu äußern lernt.

    Außerdem haben Kinder noch magisches Kinderdenken. Sie stellen Verbindungen her wie zB weil ich einen Hund wollte, hat Papa sich von Mama getrennt. Wer weiß, wie diese Person nun in Zukunft auf Hunde und auf eigene Wünsche reagiert.
    In unserer Kindheit werden viele solche Grundlagen gelegt und wir müssen sehr achtsam sein, um zu erkennen, was da gerade in uns tobt.
    Da muss keine Bombe einschlagen, es muss keine Trennung stattfinden und es muss niemand sterben: Dieses schleichende System kann eine Ursache dafür sein.

    Vielleicht hilft dir der Gedanke ein bisschen weiter?