Büchertipps

Dieses Thema im Forum 'Bulimie Erfahrungen & Diskussionen' wurde von Michi gestartet, 5 Juni 2011.

  1. Michi

    Michi mybulimie.de Staff Member

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    Wer hat schon ein Buch gelesen, dass sich mit diesem Thema beschäftigt. Wer kann ein Buch empfehlen oder von einem Buch abraten?
  2. HannyBee

    HannyBee War schon öfters hier

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    Keine Bücher direkt zur Krankheit, aber zu den Hintergründen:
    • Geneen Roth: "Essen als Ersatz"
      (Rowohlt Verlag, Kosten: 7,90 - 8,95 €)
      Zitat: (S. 27) "Es gibt nicht genug Nahrungsmittel auf dieser Welt, um die Einsamkeit dieser Jahre zu lindern, nicht genug, die Leere, die durch diesen Verlust entstanden ist, zu füllen und die daraus folgenden verrückten Gefühle. Wir können das Rad nicht zurückdrehen. Wir können nicht für all die Zeiten essen, in denen wir nicht gegessen haben. Wir müssen uns nicht länger selber berauben. Fangen wir heute an."
      Inhalt: Die Autorin macht uns deutlich, wie viele Zahnrädchen sich in unserem Inneren bewegen, bis wir uns etwas zu essen nehmen. Sie beschreibt, welche Gefühle wir warum mit Essen verbinden und was unser kultureller Hintergrund für eine Rolle spielt.
      Fazit: Leicht zu lesen und sehr empfehlenswert. Ich fand viel von mir darin wieder und hab mich ganz neu betrachten können.

    • Anita Johnston: "Die Frau, die im Mondlicht aß"
      (Droemer/Knaur Verlag, Kosten: ca 9 €)
      Inhalt: Über Mythen und Märchen werden Weiblichkeit und Essen thematisiert.
      Fazit: Ganz unterhaltsam, wenn man nicht schon wieder zutiefst psychologisch über sich grübeln will.
  3. HannyBee

    HannyBee War schon öfters hier

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    Auch nicht zum Thema, aber man kann nie genug über sich selber und die Interaktion mit anderen lernen :D

    • Fritz Riemann: "Grundformen der Angst"
      (Reinhardt Verlag, Kosten: 14,90 €)
      Inhalt: Riemann skizziert vier Grundformen der Persönlichkeit und stellt spezifische Probleme der Entwicklung heraus.
      Fazit: Hat mir geholfen, bestimmte Mechanismen zu verstehen, die in mir und meiner Familie wirken, vor allem, wie selbst bei einem von außen betrachtet "normalen" Leben bei den sog. "Kindern aus gutem Hause" (kotzbrech, die armen Kinder!) zu Selbstzerstörungen und Schuldgefühlen kommen kann.
  4. HannyBee

    HannyBee War schon öfters hier

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    So Leute, hier ist der Leitfaden! Ich muss euch allerdings vorwarnen, er ist ganz schön traurig. Ihr könnt ruhig ehrlich schreiben, ob ihr ihn gut oder besch...eiden findet :D Ich kann das ertragen.
    Er ist ja dazu da, damit ihr und eure Angehörigen einen besseren Weg findet, mit der Situation umzugehen. Daher also: Feuer frei!! :D

    TEIL I


    Hallo!
    Sie sind hier, weil ein Mensch, den Sie kennen, der Ihnen vielleicht nahesteht, sich merkwürdig verhält. Sie befürchten, dass es eine Essstörung ist. Wahrscheinlich ist das hier nicht die erste Seite, auf der Sie Infos suchen und wahrscheinlich wird es auch nicht die letzte sein.
    Sie suchen nach Antworten und einem roten Faden, einer Anleitung, wie Sie sich verhalten sollen. Ich sage es Ihnen am besten gleich: Sie werden so etwas leider nicht finden. Niemand kann Ihnen sagen, was zu Ihrem Charakter und dem Charakter des Betroffenen passt, was „absolut richtig“ und „absolut falsch“ ist.
    Ich kann Ihnen aber eine Menge hilfreicher Tipps geben, denn ich bin selbst Betroffener einer Essstörung gewesen und bin nach wie vor Angehöriger eines Menschen mit Essstörung.
    Der erste, der wichtigste und der wertvollste Tipp, der mir als Betroffener UND Angehöriger am wichtigsten ist, den ich noch mindestens dreimal wiederholen werde und den Sie sich am besten gleich hinter Ihre Ohren schreiben:
    Sie sind auch nur ein Mensch und Sie haben Ihre Grenzen. Achten Sie diese Grenzen! Das gilt für Angehörige von Essgestörten, Alkoholikern, psychisch Kranken etc etc… Niemandem ist geholfen, wenn Sie mit den Bach runter gehen.
    Suchen Sie sich Unterstützung im Außen. Sie und der Betroffene sind keine eingeschworene Schicksalsgemeinschaft. Sie brauchen genauso jemandem zu reden wie der Betroffene.
    Vorab also:
    Können Sie sich vorstellen, sich einem Freund anzuvertrauen? In eine Selbsthilfegruppe zu gehen? Sich in einem Forum einzubringen?
    Dazu auch gleich folgendes Zitat: Menschen sind wie Herbstblätter, man kann Ihren Fall nicht aufhalten, sondern sie nur nach unten begleiten.
    Gut, werden Sie jetzt sagen, ich habs ja verstanden, dass ich nicht direkt eingreifen und den Willen des Betroffenen brechen kann. Nein, das Zitat geht noch weiter. Es ist ein sehr erschreckender Gedanke, aber ich spreche auch vom anderen Ende einer Erlebniskette zu Ihnen: Das Zitat enthält zwei Kernweisheiten: Ja, Sie können nur begleiten, ändern können Sie nichts. Aber: Es kann sein, dass Sie am Ende des Weges auch ganz unten sind. Das ist die versteckte zweite Weisheit.
    Zur Zeit sind Sie aufgewühlt und ratlos, aber bereit, zu tun, was zu tun ist.
    Vielleicht werden Sie die Erfahrung machen, dass alles nichts nützt. Natürlich wollen Sie das nicht hören und es ist furchtbar, schrecklich und deprimierend. Aber ich sage es Ihnen lieber jetzt, ehe Sie „unten“ sind und sich fragen, was Sie eigentlich die letzten zehn Jahre Ihres Lebens mit sich gemacht haben. Ich möchte nicht, dass Sie vielleicht in einem Jahr, in zweien oder gar zehn Jahren daran denken und feststellen, dass Sie sich aufgerieben haben, völlig ausgepowert sind und Ihre Bemühungen aber nicht die Früchte getragen haben, die Sie sich erhofft hätten. Denn wenn Sie jetzt mal ehrlich zu sich sind (mir müssen Sie das gar nicht erzählen, ich kenne das selbst), würden Sie sich wünschen, diese verdammte Krankheit würde wie ein Spuk vorüberziehen und am Ende wäre der Betroffene geheilt, glücklich, verheiratet, … Trennen Sie sich von Ihrer Vorstellung, in welchem Lebensbild der Betroffene Ihnen glücklich erscheint. Es könnte ein unnötiger Ballast auf Ihrer Reise sein und es könnte eine sehr, sehr bittere Enttäuschung für Sie werden.
    Nach diesem durchaus harten und deprimierenden Einstieg sind Sie aber schon mal sicher, dass Sie sich und Ihre Bedürfnisse nicht aus den Augen lassen werden, prima!
    Zu Ihrer wesentlichen Frage: Sie glauben also, dass ein Ihnen nahestehender Mensch eine Essstörung hat und wollen von mir nun wissen: Wie äußert sich das und was soll ich jetzt tun?
    Es gibt verschiedene Essstörungen: Bulimie, Magersucht, Binge Eating,…
    Sie werden schon folgende Dinge überlegt und beobachtet haben: Isst er (der Einfachheit und Lesbarkeit halber nur „er“ als „Betroffener“, der natürlich sowohl weiblich als auch männlich sein kann) wenig? Isst er nur spezielle Dinge? Ist er übergewichtig, ist das „nur eine jugendlich Diätphase“, hat der Betroffene in kurzer Zeit alarmierend viel abgenommen?
    Eines vorweg: Tun Sie sich, mir und dem Betroffenen einen Gefallen: Schnüffeln Sie nicht hinterher. Ich meine nicht: Ignorieren Sie, was vor sich geht! Aber: Lauschen Sie nicht an der Tür, suchen Sie das Badezimmer nicht nach Spuren ab. Sie sind kein Detektiv. Dieses Problem können Sie nicht angehen, wenn der Betroffene sich von Ihnen verfolgt, belästigt und ausspioniert fühlt! Das geht nur mit Vertrauen.
    „Was soll ich denn dann machen?“, rufen Sie jetzt vielleicht wütend. Ich kann das verstehen, aber die vorstehenden Maßnahmen sind ein No-Go. Wenn Sie schon auf Konfrontation bestehen, dann bitte nicht mit der Nummer: „Komm mal ins Bad, hast du hier gekotzt? Guck dir die Spritzer an.“ Ich sage Ihnen: Das hinterlässt Wunden, die Sie kaum jemals wieder schließen können.
    Hier müssen wir den Text schon aufgliedern und einmal näher überlegen, über wen wir hier reden. Wenn wir über Ihren Mann/ Ihre Frau reden ist es schon mal gleich etwas anderes als wenn wir über Ihre elfjährige Tochter reden. Ihren Kindern gegenüber fühlen Sie sich automatisch in einer anderen Verantwortungsposition als zB einer Cousine. Dieser Text soll sich ja an alle richten, darum der Hinweis:
    Prüfen Sie meine Vorschläge immer darauf, ob das auf „Ihren Betroffenen“ zutrifft, ob ihm (und IHNEN!) das gut tut/ wie er darauf reagieren würde/…
    Gehen wir zum nächsten Punkt über: Dem Umgang mit dem (wahrscheinlich) Kranken.
    Der „Kranke“ – der Ausdruck ist ganz bewusst gewählt, denn mit dieser Bezeichnung nehmen wir schon etwas vorweg. Mitleid? Nein, Mitgefühl? Sie wissen es noch nicht ganz. Sie verstehen nicht, was da vor sich geht. Natürlich bewegt Sie jetzt erst mal eine Menge: Ist das eine „Gewichts-Macke“? Nur Diätenwahn? Diät halten ist mittlerweile ein Lifestyle. Überall springen einen Diätratgeber an. Ist das behandlungsbedürftig? Was haben Sie falsch gemacht? Sind Sie schuld? Liegt das daran, dass Sie damals… stop, damit hören Sie jetzt gleich wieder auf. Sie können mit diesen Schuldzuweisungen keinen Schritt vorankommen. Insbesondere, wenn der Betroffene Ihnen nicht sagt, warum er das tut, was er als Auslöser sieht. Hören Sie auf mit Schuld und fangen Sie an mit Ursachen-Denken. Was nicht heißt, dass Sie jetzt eine lange Liste aufstellen, was Ursachen sein könnten. Das heißt nur, dass es Ursachen für diese Situation gibt und dass niemand an irgendetwas „schuld“ sein muss.
    Sie wollen dem Betroffenen helfen und Sie wollen ihn auch zur Rede stellen.
  5. HannyBee

    HannyBee War schon öfters hier

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    TEIL II: (passte nicht in eine Nachricht...^^)


    Ich möchte, dass Sie zunächst in sich gehen und folgende Fragen für sich beantworten:
    Haben Sie noch andere Kinder/ Angehörige, die Sie brauchen? Wenn dem so ist, nehmen Sie das als gedanklichen Fixpunkt. Erinnern Sie sich immer daran. Sie können sich nicht zerreißen. Sie wollen allen gerecht werden, das ehrt Sie. Wenn einer in der Familie krank ist, schleicht sich schnell ein dysfunktionales System ein: Alle richten sich nach dem Kranken aus, ganz unbewusst. Er ist scheinbar das schwächste Glied, ihn gilt es zu stützen, damit das System Familie weitermachen kann. Durchbrechen Sie das, wenn Sie den Eindruck haben, es sei bereits eingetreten. Wenn Sie andere Kinder haben, haben auch diese ein Recht auf Zeit und Liebe von Ihnen, ebenso wie Sie umgekehrt ein Recht haben, diesen Kindern Zeit und Liebe zu widmen und sie von ihnen zu erhalten.
    Ich meine nicht, dass Sie so tun sollten, als sei gar nichts los. Aber machen Sie nicht den Fehler, Ihr ganzes Leben auf den Betroffenen einzustellen. Sie sind da, wenn er Sie braucht, das sollte er wissen. Aber Sie werden nicht rund um die Uhr Händchen halten und sich selbst aufreiben. Das ist das gesunde Gleichgewicht, das Sie hinkriegen müssen. Das ist schwer und es wird ein Versuch-und-Irrtum-Spießrutenlauf in der ersten Zeit, da mache ich Ihnen nichts vor.
    Falls der Betroffene nicht lebensbedrohlich unterernährt ist, empfiehlt sich je nach Charakter folgendes:
    Fassen Sie Ihre Sorgen in Worte.
    „HAHA!“, werden Sie jetzt wütend und verzweifelt sagen. „Das ist ja megaeinfach! Genau darum surf ich ja gerad durchs Internet!“
    Also wie gehen Sie da heran? Sie können das auf unterschiedliche Weise tun:
    Einerseits können Sie es (je nachdem, wie gut Ihr Verhältnis zum Betroffenen ist) ganz platt machen: Sagen Sie ihm, dass Sie den Eindruck haben, dass es ihm nicht gut geht und dass Sie ihm zur Seite stehen wollen. Wenn er über irgendwas reden will, kann er sich an Sie wenden. Das eignet sich wahrscheinlich am besten unter Freunden und Kindern, zu denen man einen sehr guten Draht hat.
    Wenn Sie eher der zurückhaltende Typ sind, erzählen Sie vielleicht nebenbei von einem Film, den Sie gesehen haben, in dem das Thema vorkam. Es gibt in den Medien überall Filme, Dokus, Reportagen, Kampagnen,… Wenn Ihr Betroffener darüber reden will, wird er vielleicht einsteigen. Würgen Sie so ein Gespräch nicht mit bösen Kommentaren über „dumme“ Models, „hässliche“ hervorstechende Rippen oä. ab. Ich weiß, insbesondere bei Dokus über Magersucht saß ich mit offenem Mund vor dem Film und habe mich gefragt, ob ich es an den Augen habe, weil da ein Gerippe erzählte, es sei übergewichtig. Das ist eine andere Art der Sicht. Die Betroffenen sehen nicht, was Sie und ich sehen. Hüten Sie sich vor Verurteilungen, das tötet jede Gesprächsbasis. Erzählen Sie stattdessen, wie Sie sich beim Ansehen gefühlt haben. Dass Sie zB erschrocken waren, dass der Betroffene Ihnen leid getan, Sie das Thema traurig gemacht hat und dass Sie sich vielleicht wünschten, jemand hätte dem Betroffenen geholfen oder er hätte sich jemandem anvertraut. Erwähnen Sie vielleicht, was Sie sich vorstellen könnten, was Sie als Angehöriger in einer solchen Situation getan hätten.
    Diese Herangehensweise bietet sich insbesondere bei jüngeren Betroffenen an. Die Reaktion des Betroffenen ist aber kein Garant dafür, ob er krank ist oder nicht.
    So. Das waren jetzt ein paar Anregungen. Was Sie bitte NICHT tun werden: Brechen Sie keinen Streit vom Zaun („Die Kinder in Afrika haben gar nichts zu essen…“ – ja verdammt, die Kinder in Afrika. Was wären die nicht immer froh, wenn sie unser Leben hätten.). Das ist unnötig. Tun Sie nicht so, als wüssten Sie eh schon Bescheid. Werden Sie nicht verletzend. Drohen Sie nicht mit Psychiater, Einweisung oder dergleichen. Sie wollen ja was vom Betroffenen. Sie wollen Zugang zu seiner Welt, seinen Gedanken und Gefühlen und Sie sind dabei auf seine Mitarbeit angewiesen. Sie werden nicht erfahren, was er Ihnen nicht preisgeben will. Und je mehr Sie drängen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er sich bedroht fühlt.
    Andererseits: Ignorieren Sie das nicht, was er da tut. Insbesondere, wenn Ihre (jüngeren) Kinder betroffen sind, müssen Sie professionelle Hilfe in Betracht ziehen. Trampeln Sie aber nicht über den Betroffenen weg!
    Falsch: „Ich habe dir morgen bei Dr X einen Termin gemacht, da gehst du jetzt hin, bis du wieder normal bist!“
    Richtig: „Ich mache mir Sorgen um dich und möchte, dass du zum Arzt gehst, um auszuschließen, dass es irgendwas ernsthaftes Organisches ist. Sag mir, wohin du möchtest, dann mache ich da einen Termin. Ich fahr dich auch hin und wenn du es möchtest, komm ich mit rein. Aber nur, wenn du es möchtest.“
    Je älter das Kind ist, desto mehr können Sie ihm zutrauen. Es gibt eine Menge Alternativen zum einfachen Allgemeinmediziner: Es gibt Beratungsstellen, auch hier Selbsthilfegruppen und dergleichen mehr. Wenn der Betroffene nicht massiv unterernährt ist, geben Sie ihm Zeit. Seien Sie beharrlich, aber behutsam. Für den Betroffenen geht es hier um ein Riesengeheimnis, etwas, das ihm peinlich ist, von dem er nicht will, das gleich alle es wissen. Er muss seinen Weg dabei alleine finden und wie gesagt: Geben Sie ihm Zeit. So eine Krankheit kommt nicht von heute auf morgen, also kommt es auf zB die zwei Wochen, in denen sich der Betroffene vor einer Beratung drückt, auch nicht an.
    Geben Sie ihm zu verstehen, dass Sie keine ewigen Ausflüchte akzeptieren werden, aber dass Sie ihn und seine eigene Entscheidung zu schätzen wissen.
    Sollte der Betroffene zum Arzt gehen: Fragen Sie den Arzt nicht aus! Zum einen gibt es die ärztliche Schweigepflicht, zum anderen dringen Sie damit in einen Privatbereich vor. Sie können gern nach dem Besuch fragen, wie es war. Aber akzeptieren Sie ein „Doof!“ genauso wie Sie eine umfassende Antwort akzeptieren würden.
    Schwieriger ist es bei erwachsenen Betroffenen. Die können ja ganz allein über sich bestimmen und sich zerstören, wie sie wollen. Da haben Sie weniger Einwirkungsmöglichkeiten als bei einem Kind, für das Sie die elterliche Sorge haben.
    Wenn der Betroffenen sich Ihnen geöffnet hat und Ihnen gesagt hat, dass er diese Krankheit hat, machen Sie das jetzt ganz einfach (und daran halten Sie sich eisern!): Sie fragen ihn, was er von Ihnen zur Zeit braucht. Die Situation ist für alle neu. Sie müssen sich alle darauf einstellen. Fragen Sie ihm ein Loch in den Bauch. Wie geht es ihm damit, möchte er das ändern, erkennt er, dass das ungesund ist,… akzeptieren Sie es, wenn er sich zurückzieht. Es ist ein Riesenschritt, so etwas einzugestehen. Im Schnitt warten Betroffene sieben Jahre zu lang, ehe sie sich jemandem anvertrauen und Hilfe in Anspruch nehmen. Natürlich sind Sie erst mal verblüfft. Sie wollen nichts Falsches sagen. Genau das sollte Sie dem Betroffenen auch sagen. Seien Sie ehrlich! ZB: „Das kommt jetzt überraschend, ich hoffe, ich finde die richtigen Worte. Falls das nicht so ist, sag mir das bitte sofort. Du hast gesagt, dass du das seit einem Jahr machst. Mensch, und mir ist das gar nicht aufgefallen! Ich bin froh, dass du mir das sagst. Dann lass uns mal überlegen, was wir da jetzt machen. Hast du dir vielleicht schon ein paar Gedanken gemacht?“
    Braucht der Betroffene
    - Überwachung? Will er, dass Sie mit ihm zusammen einen Plan erstellen, wie viel eingekauft wird, will er einen Ernährungsplan, an den er sich in der ersten Zeit halten kann? Vielleicht ist das für ihn ein Anreiz.
    - Sollen Sie sich in irgendeiner Weise mit ihm zusammensetzen, einen Notfallplan machen? zB welche Nahrungsmittel Sie für „gesunde“ Fressattacken im Haus haben, an die er sich halten kann? (ZB einen Haufen Äpfel) Umgekehrt auch: Welche Nahrungsmittel sollten Sie nicht im Übermaß da haben, welche verlocken?
    - Was hilft ihm? Rituale, also zB dass die Mahlzeiten, soweit es geht, zusammen eingenommen werden? Sonntägliches Frühstücken?
    - Unterstützung? Mehr Zuwendung?
    - Wird er in der Schule gemobbt, ist Übergewicht der im Vordergrund stehende Faktor? Können/ wollen Sie vielleicht zusammen Sport machen? Kommt ein Schulwechsel in Betracht?
    - Sagen Sie auch, was Sie sich wünschen. Was wollen Sie, wo sind Ihre Grenzen?

    Kommen wir zu einem unangenehmen Folgethema. Holen Sie sich erst einmal eine Packung Taschentücher, Sie werden sie vielleicht brauchen.
    Was ist, wenn der Betroffene irgendwann wirklich so unterernährt ist, dass er in eine Klinik muss? Wenn sich das abzeichnet, sprechen Sie mit ihm darüber. Sagen Sie ihm im Ernstfall, dass er sich eine Klinik aussuchen darf, das ist seine Selbstentscheidungshoheit. Aber Sie werden es nicht zulassen, dass er bei Ihnen stirbt, denn das könnten Sie sich nie verzeihen. Er mag das unfair finden. Sie finden das Leben auch ziemlich unfair. Sie lassen ihm den Freiraum, diese Entscheidung zu treffen und Sie werden sich (soweit die Klinik Aufnahmekapazitäten frei hat) an diesen Wunsch halten.
    Natürlich ist das hart, wenn Sie mit ihrer 15jährigen Tochter am Tisch sitzen und diese Entscheidung besprechen. Vernachlässigen Sie nicht den Zuspruch und die Unterstützung – für den Betroffenen ist das ebenso einschneidend. Er muss aus dem gewohnten Umfeld raus, in eine Klinik. Es wird öffentlich, dass er krank ist. Er muss sich gewissen Regeln unterwerfen etc. Das ist ein Impact, insbesondere für Kinder und Jugendliche. Machen Sie ihm darum klar, dass Sie für ihn da sind, aber dass Sie auch nicht weiter tatenlos zusehen können.
    Ganz am Ende ein Hinweis: Bei all Ihren Bemühungen, all Ihrer Liebe, allem, was Sie jetzt tun werden: Es kann sein, dass das am Ende nicht fruchtet. Vielleicht werden Sie irgendwann einsehen müssen, dass es nicht mehr geht, wenn zB der Betroffene Sie bestiehlt, belügt, gewalttätig ist, zugleich noch drogenabhängig und/ oder alkoholkrank oder anders manifest psychisch krank ist (ich spreche aus Erfahrung als Angehöriger). Vielleicht ist es bei Ihnen schon so, aber Sie konnten sich bislang nicht eingestehen, dass es mittlerweile untragbar geworden ist.
    Sie haben eine Verantwortung sich selbst gegenüber, ich habe Sie in der Einleitung schon darauf geimpft. In dem Moment, wo es für Sie bedrohlich wird (wie gesagt, ich spreche aus Erfahrung als Angehöriger), ziehen Sie um Gottes Willen die Notbremse. Ich rede nicht von Lappalien wie Zickereien, dem „normalen“ Terror mit Teenagern.
    Es wird natürlich hart für Sie, wenn Sie die Notbremse ziehen und zB die Polizei rufen oder die Einweisung in eine Klinik veranlassen. Ich werde Ihnen auch hier nichts vormachen: Das wird unglaublich hart, das wird eine der härtesten Entscheidungen Ihres Lebens. Viel zu viele Eltern in diesem Land gelten als Rabeneltern, weil sie ihre Kinder in Heime geben etc. Zu Unrecht. In dem Moment, wo Ihr Kind Ihnen androht, Sie abzustechen, sind Sie raus. Irgendwann reicht es. Und dieser Punkt ist damit erreicht.
    Ich kann Ihnen eines sagen: Es gibt Betroffene, die kommen aus der Krankheit ohne Hilfe raus. Und es gibt Betroffene, die kommen trotz Hilfe nicht da heraus. Ob man es will oder nicht ist eine Willensentscheidung, die Sie bei aller Fürsorge und Liebe nicht erzwingen können. Sie können niemandem Lebenslust, Mut und Kraft einhauchen. Bitte, bitte grämen Sie sich nicht, wenn Ihre Hilfe verschmäht wird oder Sie sich nach zwanzig Jahren immer noch in der Situation befinden. (Darum sagte ich oben: Trennen Sie sich von Ihrer Vorstellung von „glückliches Ende“)
    Aber bitte, bitte machen Sie sich ebenso klar: Sie sind ein erwachsener Mensch mit dem Bedürfnis nach Leben, Selbstverwirklichung, Erfüllung.
    So, jetzt sind Sie erst einmal für die kommende Zeit gerüstet. Ich wünsche Ihnen und dem Betroffenen alles, alles erdenklich Gute und Kraft.
    Wenn Sie mehr wissen wollen über diese Krankheit und die Betroffenen, schauen Sie sich im Forum um, hier werden ja alle möglichen Themen aus der Sicht der Betroffenen diskutiert, die Ihnen vielleicht Denkansätze liefern.
    Eine Bitte habe ich noch an Sie: Falls Ihnen dieser Text geholfen hat und Sie ihn weiterverbreiten wollen: Das können Sie gerne ohne Einschränkung tun. Das ist mein Geschenk an Sie.

    Ein Wort an die Betroffenen, die diesen Text vielleicht lesen: Jetzt seid ihr dran. Fügt hinzu, kritisiert, inspiriert, bereichert diesen Text. Wir wollen ja alle, dass es besser wird. Und je mehr von uns (gerade auch Angehörigen!) Tipps geben, desto größer wird der Erfahrungspool, aus dem wir alle schöpfen können!
  6. Maeddie

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    Diana Fey "Kotzt du noch oder lebst du schon?"
    Eine Autobiographie über eine Frau, die ihre Bulimie überwunden hat. Knallhart, schonungslos ehrlich und auch mit ein bisschen Humor. Habe mich an einigen Stellen wiedererkannt.

    Crystal Renn "Hungry"
    Ein Übergroßen-Model erzählt über ihre Anfangszeit im Modelbuisness, welche sie in die Essstörung trieb.

    Marya Hornbacher "Alice im Hungerland"
    Dieses Buch ging mir regelrecht unter die Haut. Eines meiner Lieblingsbücher.

    Gerhard Eikenbusch "Und jeden Tag ein Stück weniger von mir"
    Ebenfalls über ein Mädchen, das in eine Essstörung rutschte. Ich mag den Erzählstil.
  7. Florinchen

    Florinchen Neu im Forum

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    Mir hat, nicht psychisch aber "biologisch" sehr geholfen: "Zucker und Bulimie" von Inke Jochims
    Sie erklärt die chemischen Prozesse, die in unserem Körper bei Bulimie vorgehen und wie man mit richtiger, regelmäßiger Ernährung leichter raus kommt. Ich schwöre auf das Buch!!